Brautwerbung, Ehe und Mutterschaft zwischen den 1830ern und 1920ern

Brautwerbung, Ehe und Mutterschaft haben sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert stark verändert. In diesem Artikel werde ich die Veränderungen zeigen, indem ich die Situation von vier Generationen von Frauen in meiner Allender-Trilogie betrachte.

Die erste Generation wird vertreten durch Natalya, geboren 1817, die 1832 heiratete und ihre Kinder in den 1830er und frühen 1840er Jahren bekam. Natalya wählte ihren Ehemann nicht selbst, ihre Eltern hielten ihn für einen guten Partner. Ein guter Partner bedeutete, dass der zukünftige Ehemann aus einer angesehenen Familie stammte und wohlhabend genug war, um seine Familie gut versorgen zu können. Ein guter Charakter wurde ebenfalls als wichtig erachtet. Liebe war jedoch keine entscheidende Voraussetzung. Es gab natürlich Paare, die aus Liebe geheiratet haben, aber im Gegensatz zu heute waren die Gründe für die Ehe oft praktisch. Wenn ich früher Romane der Zeit las, war ich oft überrascht von Passagen, die den Glauben oder die Hoffnung ausdrückten, dass ein Paar während der Ehe „lernen würde, einander zu lieben“. Wenn die Liebe schließlich kam, war es in Ordnung, wenn nicht, war das auch in Ordnung. Als Natalyas Eltern ihr sagten, sie solle einen Mann heiraten, den sie nicht liebte (nicht einmal besonders gut kannte), waren sie nicht gleichgültig gegenüber ihrer Tochter, sondern taten, was sie für das Beste hielten.

Natalya heiratete in einem grauen Kleid, das später für gesellschaftliche Veranstaltungen und die Kirche genutzt werden konnte. Weiße Hochzeitskleider kamen erst in Mode, nachdem Königin Victoria von England bei ihrer Hochzeit im Jahre 1840 ein solches trug.

Wie viele junge Frauen in den 1830er Jahren war Natalya nicht auf ihre Hochzeitsnacht vorbereitet und von ihren ersten ehelichen Beziehungen schockiert. Viktorianisch (ich benutze den Begriff lose, weil das viktorianische Zeitalter noch nicht begonnen hatte) Frauen waren nicht so prüde, wie man denken könnte, viele von ihnen genossen körperliche Liebe, obwohl es wahrscheinlich nicht ganz so einfach ist, wenn man den Ehemann noch nicht richtig kennt und nicht besonders zu ihm hingezogen ist. Natalya hat es nie genossen und sie hat auch nicht gelernt, ihren Ehemann zu lieben – die Ehe war nicht glücklich.

Die Mutterschaft war für Natalya jedoch eine Freude, zumindest beim ersten Mal. Niemand hatte sie darüber informiert, was bei der Geburt geschehen würde und so dachte die junge Frau (16 Jahre!) manchmal, sie sei in Lebensgefahr und war auch peinlich berührt von der Anwesenheit mehrerer Personen. Weibliche Verwandte nahmen oft an der Geburt teil, um emotionale Unterstützung zu leisten. Ärzte waren in der Regel nicht anwesend, eine Hebamme half der werdenden Mutter.

Während Natalya erfreut war, ihren Sohn zu haben, hätte sie ohne weitere Schwangerschaften gut auskommen können. Leider hatte sie das nicht zu entscheiden und bekam zwei weitere Kinder. Sie hätte die Möglichkeit gehabt, Informationen zur Geburtenkontrolle zu bekommen; in den 1830er Jahren war es nicht schwierig, solche Informationen zu bekommen, und es gab eine ganze Reihe von Möglichkeiten zur Geburtenkontrolle. Einige von ihnen (Kondome, Diaphragmen, Rhythmusmethode) unterschieden sich nicht von den heute bekannten, manche (Spülungen, Essigschwämme) wären den meisten heutzutage nicht bekannt. Informationen konnten per Post oder durch Vorträge (nur für Verheiratete) erhalten werden. Dennoch ist eine Frau wie Natalya, die in einer abgelegenen Kleinstadt sozial isoliert war, sich dieser Möglichkeiten vielleicht nicht voll bewusst gewesen. Sie wählte schließlich die Methode, die am sichersten war – sie erlaubte ihrem Mann nicht mehr, ein Bett mit ihr zu teilen. Es muss jedoch gesagt werden, dass sogar Frauen, die Geburtenkontrolle verwendeten, gelegentlich ungewollt schwanger wurden, da nicht alle Informationen korrekt waren. Verhütungs- oder Abtreibungspillen hatten oft überhaupt keine Wirkung, sie waren nur Mischungen, die von Quacksalbern verkauft wurden. Die Rhythmusmethode basierte auf falschen Vorstellungen über den weiblichen Zyklus und vertrat daher die Auffassung, dass diese Tage als sicher gelten, die tatsächlich am fruchtbarsten sind.

Natalya hatte wenig zu sagen, wenn es um die Gestaltung ihres Lebens ging und leider entsprachen die meisten Entwicklungen nicht ihren Wünschen.

Die Dinge waren für zwei Frauen der zweiten Generation etwas einfacher: Caroline, geboren 1842, und Dara, geboren 1837.

Caroline heiratete 1859 und gebar zwischen 1860 und 1873 fünf Kinder. Im Gegensatz zu Natalya hatte sie die Möglichkeit, aus Liebe zu heiraten. Vor ihrer Heirat war sie nie lange mit ihrem Verlobten allein – die Treffen erfolgten stets unter Aufsicht. Ein junges Paar durfte sich eine Weile im Wohnzimmer unterhalten, aber sie blieben nicht stundenlang allein. Gesellschaftliche Ereignisse wie Bälle waren eine gute Gelegenheit, sich näher zu kommen, wenn man zusammen tanzte, aber bis zur Hochzeit gab es wenig Gelegenheit für weitere körperliche Nähe. Wie Natalya wusste Caroline nichts von der Hochzeitsnacht im Voraus, aber zum Glück war ihre Beziehung zu ihrem Mann liebevoll.

Caroline war eine hingebungsvolle Mutter, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbrachte als viele andere Mütter ihrer Zeit. Das Haus hatte im obersten Stock einen Kinderbereich, bestehend aus einem Schlafzimmer und einem Raum zum Spielen und Essen. Es gab einen kleinen Schulraum und ein Zimmer für das Kindermädchen. Später hatten die älteren Kinder ihre eigenen Räume. Carolines Kinder nahmen einige ihrer Mahlzeiten mit ihren Eltern im Esszimmer ein und verbrachten auch den größten Teil des Tages mit ihrer Mutter. Viele Kinder aus wohlhabenden Familien sahen ihre Eltern kaum und waren oft ihrem Kindermädchen oder ihrer Gouvernante stärker emotional verbunden.
Dara, unsere andere Vertreterin der zweiten Generation, machte sehr andere Erfahrungen. Sie war die Tochter einer armen Familie, wuchs in einem armen Viertel auf. Kleine Häuser, in denen Familien und Untermieter gedrängt wohnten, standen dicht beieinander – es gab keine Privatsphäre und so lernte Dara schnell die Fakten des Lebens. Sie hat auch gelernt, dass ein hübsches Mädchen viel unerwünschte Aufmerksamkeit und wenig Respekt bekommt. Ihre Lebensweise machte das Wissen über Geburtenkontrolle zur Notwendigkeit und sie hat auch eine Schwangerschaft beendet. Abtreibung war verpönt, wurde aber trotzdem häufig von unverheirateten und verheirateten Frauen benutzt. Entsprechende Pillen und Tränke wurden offen beworben und einige Frauen benutzten sie als ihre regelmäßige Geburtenkontrolle. Natürlich konnte diese unbeaufsichtigte Einnahme von derlei Mitteln gefährlich werden. Hebammen und Ärzte führten auch Abtreibungen durch, dies war damals noch legal. Einige Staaten begannen, es in den 1860er Jahren zu verbieten und in den 1880er Jahren war es in den meisten Fällen illegal.

Als Dara schließlich in eine angesehenen Familie heiratete, wollte sie nicht unbedingt Mutter werden, doch sie wusste, dass es ihre Pflicht als Ehefrau war. Sie wurde mehrere Jahre lang nicht schwanger und der Druck auf sie wuchs. Eine Ehe ohne Kinder galt nicht als vollständig, Mutterschaft war das höchste Ziel einer Frau. Als Dara schließlich schwanger wurde, bat sie darum, Chloroform für die Geburt zu bekommen. Zu dieser Zeit, 1871, war die Verwendung von Chloroform zur Linderung von Geburtsschmerzen üblich – eine weitere von Königin Victoria populär gemachte Innovation. Es wurde seit 1847 in den Vereinigten Staaten verwendet, obwohl es viele gab, die es gegen den Willen Gottes hielten, die Mittel für eine schmerzlose Geburt zur Verfügung zu stellen. Die Verwendung von Chloroform führte auch dazu, dass Ärzte an Geburten teilnahmen.

Dara, die keine hingebungsvolle Mutter war und auch an Depressionen litt, war nie emotional mit dem Baby verbunden, und sie bestand darauf, eine weitere Innovation zu verwenden: Flaschenfütterung oder „Handaufzucht“. Diese Praxis wurde sehr missbilligt; Mütter, die sich dafür entschieden, wurden als unnatürlich und in der Tat als schädlich angesehen.

Dara musste sich auch mit einer anderen Auswirkung der Ehe arrangieren: sie als verheiratete Frau konnte kein eigenes Eigentum haben. Alles, was eine Frau vor der Hochzeit besaß, wurde Eigentum ihres Mannes, ebenso wie alles, was sie während der Ehe erworben hatte. Ab 1839 begannen mehrere US-Staaten Gesetze zu erlassen, die verheirateten Frauen erlaubten, ihr eigenes Eigentum zu haben, Verträge abzuschließen und ihre eigenen Gehälter zu verdienen, aber dies geschah in kleinen Schritten. Das 19. Jahrhundert näherte sich schon seinem Ende, bis alle Staaten solche Gesetze erlassen hatten. Kentucky, wo die Allender-Trilogie hauptsächlich stattfindet, war der letzte Staat, der diesem Beispiel folgte, und das Gesetz „Married Women’s Property Act“ wurde erst 1894 verabschiedet.
Unsere beiden Vertreter der dritten Generation, Louisa, geboren 1861, und Helen, geboren 1876, hatten schon mehr Freiheiten als die Frauen der Generation ihrer Mütter.

Louisa entschied sich gegen das traditionelle Eheleben, sie wollte Krankenschwester werden. Sie musste viel Mühe und Überzeugungsarbeit aufwenden, um die Erlaubnis ihres Vaters zu erhalten, und mehrere ihrer Verwandten kritisierten sie dafür, dass sie das bequeme Leben der Tochter einer wohlhabenden Familie aufgegeben hatte. Nach der Krankenpflegeschule begann Louisa, Frauen, die schwanger waren oder Schwangerschaft verhindern wollten, zu informieren und ihnen zu helfen. Die Situation hatte sich seit den 1830er Jahren stark verändert. Informationen über  Geburtenkontrolle waren jetzt illegal, ebenso wie das Versenden von Verhütungsmitteln. Es wurde 1873 durch das Comstock Act illegal gemacht, das Ergebnis einer sehr konservativen Bewegung, die behauptete, dass die Empfängnisverhütung lockere Moral und die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten förderte. Geburtenkontrolle war noch immer verfügbar, aber die Werbung war weniger offen und Verhütungsmittel wurden unter Euphemismen verkauft, um „Hygiene“ oder „weibliche Gesundheit“ zu fördern. Die Staaten haben rasch dem Comstock Act entsprechende Gesetze erlassen, einige Staaten machten sogar Gespräche zur Information über Geburtenkontrolle illegal. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Louisa vage blieb, wenn sie über ihre Arbeit sprach, da sie eine Festnahme riskierte.

Als sich ihre Schwägerin Helen in den 1890er Jahren verliebte, konnte sie mit ihren Freunden und ihrem Geliebten Ausflüge machen. Es gab keine Begleitpersonen und es war einfacher für ein junges Paar, etwas Zeit alleine zu verbringen. Nach der Ehe beruhte ihre Beziehung zu ihrem Ehemann auf Gleichheit – sie baten einander um Rat, trafen gemeinsam Entscheidungen. Sie hatten drei Kinder in rascher Folge – 1897, 1898 und 1900. Während Helen gerne Mutter war, wäre sie ohne weitere Schwangerschaften genauso glücklich gewesen. Sie erwähnte dies gegenüber Louisa, die andeutete, dass sie Informationen liefern könnte, um weitere Schwangerschaften zu verhindern. Helen war zunächst widerwillig, da sie in Zeiten aufgewachsen war, in denen die Empfängnisverhütung nicht nur kritischer als je zuvor betrachtet, sondern auch verboten wurde. Trotzdem bat sie Louisa, ihre Informationen zu teilen und wurde nicht wieder schwanger.

Als die Vertreter der vierten Generation, Veronica, geboren 1906, und Diane, geboren 1901, erwachsen waren, hatte sich die Welt dramatisch verändert.

Menschen, deren Jugend und frühes Erwachsenenalter von der Grausamkeit und dem mentalen Stress des Ersten Weltkriegs überschattet worden waren, wollten dies wieder wettmachen, wollten sich amüsieren. Die strengen moralischen Werte der Vorkriegsdekaden gehörten der Vergangenheit an. Schon vor dem Krieg wurde das sogenannte Dating populär – junge Männer und Frauen gingen als Paare aus, allein, ohne Begleitpersonen, genossen eine neue Privatsphäre in dunklen Kinos und Autos.

Veronica hat dieses Leben mit Freuden geführt, aber sie hat auch die Grenzen dieser neuen Freiheit erfahren. Als sie mit 15 Jahren schwanger wurde, arrangierten ihre Eltern eine Abtreibung und schickten sie für zwei Jahre in ein strenges Schweizer Internat. Nach ihrer Rückkehr nahm sie ihre alte Lebensweise auf, besuchte Partys und hatte eine Affäre. Veronica lebte in einer Zeit, in der Verhütung noch illegal war, die Gesetze aber nicht mehr durchgesetzt wurden. Sie nutzte das und benutzte ein Diaphragma, die damals beliebteste Methode. Sie hat während ihrer ganzen Ehe Verhütungsmittel benutzt – das Ideal der Mutterschaft war für sie und viele andere ihrer Zeit ein Ideal der Vergangenheit. Veronica erhielt ihren Heiratsantrag, während sie und ihr zukünftiger Ehemann unter dem Einfluss von Kokain standen, und sie nahm ihn an, weil die Ehe ihr mehr Freiheit als das Leben bei ihren Eltern gewährte und ihr auch einen glamourösen Lebensstil verschaffte. Sie ist die erste Frau der Trilogie, die eine Scheidung für eine gescheiterte Ehe als natürliche Konsequenz betrachtete. Die Scheidungsraten in den USA waren seit dem späten 19. Jahrhundert stetig gestiegen und hatten nach dem Ersten Weltkrieg ein neues Hoch erlebt. Dies lag nicht nur an gelockerten moralischen Werten, sondern auch an den sich ändernden Eigentumsgesetzen und der wachsenden Zahl von Frauen, die arbeiteten und von der Ehe weniger abhängig waren.

Diane war eine eher konventionelle Frau ihrer Zeit. Sie heiratete aus Liebe und hörte auf zu arbeiten, um sich um ihren Haushalt und ihre Kinder zu kümmern. Sie hatte zwei Kinder, 1922 und 1927. Sie hatte ihre Kinder im Krankenhaus bekommen, wie es damals üblich war. Der Geburtsschmerz wurde durch „Dämmerschlaf“ gemildert – eine Morphium- und Scopolamin-Injektion, die die werdende Mutter halb bewusstlos, aber ohne Schmerzen oder zumindest ohne Erinnerung an den Schmerz (oder die Geburt selbst) zurückließ. Diese Methode wurde in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg benutzt und wurde schnell in den Vereinigten Staaten populär – einige amerikanische Frauen reisten sogar nach Deutschland, um dort ihre Kinder zu bekommen, bevor der Dämmerschlaf in Amerika verfügbar wurde.
Dianes zweites Kind wurde zu früh geboren und blieb für ein paar Wochen in einem Brutkasten. Brutkästen wurden in den 1860er Jahren erfunden, aber kaum verwendet, da sie viel zu teuer und kompliziert waren. Einfachere Geräte wie Körbe mit Wärmflaschen waren früher üblich. Die Brustkästen kamen in den frühen 1900ern in die USA, obwohl es einige Zeit dauerte, bis sie zur regulären Ausrüstung wurden. Pflege für Frühgeborene war – so schrecklich wie es klingt – keine Priorität, Kindersterblichkeit war im Allgemeinen hoch. In den 1920er Jahren rückte die Frühversorgung in den Mittelpunkt und wurde allmählich zu einem festen Bestandteil der Krankenhausversorgung.

Der Blick auf vier Frauengenerationen zeigt, wie unterschiedlich die Erfahrungen der Frau von 1920 im Vergleich zu ihrer Urgroßmutter, Großmutter und sogar Mutter waren. Es gab mehr Freiheit bei der Wahl der Ehemänner, eine weitaus liberalere Sichtweise in Bezug auf gemeinsames Ausgehen und vorehelichen Kontakt, das „Recht“ auf schmerzfreie Geburt und zuverlässigere Geburtenkontrolle, obwohl diese in den 1830er Jahren genauso zugänglich war. Die industrielle Revolution und der Erste Weltkrieg waren wichtige Faktoren für die schnellen Veränderungen.

In meiner Recherche zu diesem Thema habe ich mich hauptsächlich auf Bücher verlassen. Die drei hilfreichsten Titel waren:

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