Buchempfehlung: Blaubeeren vergisst man nicht

Die wirkliche Geschichte findet nicht in den Geschichtsbüchern statt, sondern im Leben der ganz normalen Menschen, die von der „großen“ Geschichte beeinflußt werden und oft genug unter ihr leiden. Das möchte ich in meinen Büchern vermitteln und genau deshalb lese ich auch Lebensbeschreibungen und Zeitzeugendokumente so gerne. Im Rahmen meiner Buchrecherchen habe ich viele solcher Bücher oder Webseiten gelesen, oft las ich mich fest, auch wenn ich die für mich notwendigen Informationen schon gefunden hatte. Zu faszinierend waren die Schicksale der ganz normalen Menschen, die von der Weltgeschichte oft völlig durcheinandergewirbelt wurden.

Als ich nun die Möglichkeit erhielt, die Lebenserinnerungen einer Dame zu lesen, die 1923 in Oberschlesien geboren wurde und im Krieg einen Wiener heiratete, ab dann in Wien wohnte, war ich natürlich gleich angetan. Eine solche Geschichte wäre ohnehin interessant, hier hatte ich aber noch einen persönlichen Bezug, denn mein Großvater wurde 1920 geboren, zeitlich also nahe dran und zwei meiner Großeltern sind in ehemaligen deutschen Ostgebieten (Galizien, Ostpreußen) aufgewachsen. Beim Lesen fand sich dann noch eine weitere Parallele zur Lagerhaft meines Großonkels. Es war also, ich gebe es zu, auch eine sehr emotionale Erfahrung, dieses Buch zu lesen. Aber auch wer diese Verbindungen zu der Geschichte nicht hat, sollte dieses Buch lesen, den es ist ein bemerkenswert persönliches Zeitdokument.

In diesem bemerkenswerten Buch berichtet Ina Rom vom Leben ihrer Eltern, insbesondere ihrer Mutter, die mittlerweile im hohen Alter an Demenz erkrankt ist. So ging es hier auch darum, wertvolle Erinnerungen vor dem Vergessen zu bewahren und zum Glück ist dies weitgehend gelungen (weitgehend, weil einige Dokumente und Erinnerungen leider doch verloren gegangen sind).

Ina Roms Mutter Liesbeth würde 1923 in Oberschlesien geboren und hat somit einige der turbulentesten Zeiten der neueren Geschichte miterlebt. Schon alleine deshalb sind diese Erinnerungen einer Zeitzeugin wertvoll. Aber es kommt nicht nur die große Geschichte zu Wort, auch das ganz normale Alltagsleben findet seinen Platz und so erhalten wir ein vielfältiges Bild jeder Generation.

Der Schreibstil ist einfach und schlicht gehalten, genau so, wie man diese Erinnerungen erzählt bekommen würde. Und genau das ist mE auch der richtige Stil für ein solches Buch. Ina Rom fügt ab und eigene Anmerkungen bei, berichtet in einem Satz über das weitere Schicksal eines Familienfreundes oder ihre Gedanken bei der Sichtung von Fotos und Dokumenten. Dies macht das Buch auf sehr angenehme Weise persönlich. Ina Rom bringt sich ein, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, der Fokus gehört Liesbeth. Aber die kleinen persönlichen Bemerkungen oder Kommentare wie „Mein Lieblingsfoto“ unter einem schönen Foto von Liesbeth und ihrem Mann zeigen das persönliche Engagement Ina Roms und bauen dadurch zwischen Autorin und Leser ebenfalls ein Band auf. Ina Rom führt uns damit unaufdringlich durch das Leben ihrer Mutter und das gelingt ihr gut. Der Fotos gibt es übrigens viele, was ebenfalls zur persönlichen Note beiträgt. Wir sehen Liesbeths ansteckend überglückliche Miene, als sie ihren Erstgeborenen im Arm hält, sind berührt von den romantischen Fotos von ihr und ihrem Toni, den sie mitten im Krieg heiraten wird.

Ohne von der Handlung zu viel vorwegzunehmen, kann ich schon sagen, daß wir hier durch viele Facetten eines langen Lebens reisen – idyllisches Vorkriegslandleben, Eingriffe der Diktatur, Krieg und Nachkriegszeit, Erfolg, Spätfolgen der Kriegstraumata. Es liegen Freude und Leid sehr nahe beieinander und ich habe bei der Lektüre oft laut gelacht und mußte mir kurz danach eine Träne aus dem Auge wischen. Es haben mich wenige Bücher so berührt.

Bei einigen Themen (letzte Kriegsjahre, Nachkriegszeit, Situation der Verwandten in Schlesien nach dem Krieg) hätte ich mir mehr Informationen gewünscht, aber natürlich kann die Autorin nur die Informationen verarbeiten, die ihr vorliegen. Die Detailgenauigkeit ist auch so schon bemerkenswert. Liesbeth, die hier natürlich im Vordergrund steht, hat mich immer wieder auf’s Neue beeindruckt mit ihrer Tatkraft, ihrer Anständigkeit und positiven Lebenseinstellung. Aber auch ihrem Mann Toni gebührt Respekt dafür, wie er sein Bestes tat, mit seinem emotionalen Ballast fertigzuwerden. Nicht zuletzt auch Respekt für die Tochter der beiden, Ina Rom, die hier ihren Eltern ein so würdiges Denkmal setzt, ehrlich (auch bei den schwierigen Themen) und zugleich liebevoll.

Ein ungemein persönliches Buch über eine bemerkenswerte Dame und ihre Familie. Dank des Großdrucks ist es übrigens auch für ältere Leute leicht zu lesen. Eine Leseempfehlung ist es für jedes Alter.

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