Buchempfehlung: „Eben noch unter Kronleuchtern – die Revolution 1918/1919 aus Sicht der bayerischen Königstöchter“

Über die Revolution von 1918 gibt es verhältnismäßig wenige Bücher und schon alleine deshalb ist „Eben noch unter Kronleuchtern“ eine gute Idee. Christiane Böhm wählt in diesem Buch den interessanten Weg, dem Leser das Revolutionsgeschehen durch Zeitzeugenberichte nahezubringen, und zwar von jenen, die unmittelbar betroffen waren. Es hat mich sehr neugierig gemacht, zu lesen, wie die bayerische Königsfamilie die Revolution, die völlige Umkehrung ihres Lebens, empfunden hat.

Hauptsächlich kommt die bayerische Prinzessin Wiltrud zu Wort, deren Tagebuch wir hier in Auszügen lesen können. Ergänzt werden ihre Tagebucheinträge durch Berichte der Kammerfrau der bayerischen Königin, Fanny Scheidl, und einigen Schwestern Wiltruds. Fanny Scheidls Bericht bringt eine weitere Perspektive in das Geschehen und war mir sehr willkommen. Diese zeitgenössischen Texte werden angereichert durch Anmerkungen der Autorin, ein Personenverzeichnis sowie zahlreiche Fotos und Landkarten. Eine Einführung gibt einen Überblick über die Situation direkt vor der Revolution, ein Anhang berichtet kurz über die weiteren Schicksale der Königsfamilie. Sowohl Einführung wie auch Anhang waren mir zu kurz. Sie hätten gerne doppelt so lang sein können. In der Einführung fehlten mir zB Informationen zum bayerischen König, seiner Stellung beim Volk, seinem Regierungsstil.

Die Autorin hat die meisten ihrer Anmerkungen per Fußnoten in einem Anhang zusammengefaßt, so daß die zeitgenössischen Texte nicht unterbrochen werden. Dies führt zu recht häufigem Hin- und Herblättern (was aber für gut recherchierte Sachbücher normal ist), zu diesem Zweck hat der Verlag das Buch mit einem Lesebändchen versehen, welches gute Dienste leistete. Manchen Textabschnitten folgt noch eine Zusammenfassung der Autorin. Die war oft recht nützlich, gerade bei der sich teils verwirrend lesenden Flucht der verschiedenen Familienmitglieder, die dann in der Zusammenfassung klarer wurde. Auch gibt die Autorin oft wertvolle Hinweise, wie manche Äußerungen einzuordnen sind oder welche politischen Hintergründe/Ereignisse sich hier auswirkten. An manchen wenigen Stellen waren die Zusammenfassungen für meinen Geschmack zu wiederholend, überwiegend aber nützlich und hilfreich. Ich finde es gut gewichtet, wie die Autorin Wiltrud und ihre Zeitgenossen für sich sprechen läßt und sich weitgehend zurückhält, aber eben mit ihren Anmerkungen an den richtigen Stellen Hilfreiches und/oder Interessantes beiträgt.

Die Fußnoten-Anmerkungen im Anhang haben mich mit etwas gemischten Gefühlen zurückgelassen. Es steht auch hier viel Informatives, dafür fehlt aber auch viel Informatives. Es gab einige Stellen im Buch, an denen mir eine Erklärung/Anmerkung sehr gefehlt hat. Dafür sind eigentlich nicht fragliche Begriffe (wie „Leib“ oder „Laternen“ am Auto) extra erklärt, was nicht notwendig gewesen wäre. Fußnoten zu Personen führen manchmal lediglich zur Anmerkung „vgl Personenverzeichnis“, was nicht notwendig gewesen wäre, denn dort würden die Leser sicher auch so nachschauen, wenn es keine Fußnote zur Person gibt.

Die Fotos ergänzen den Text sehr gut, hier kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild der Personen und Lokalitäten machen. Sie sind informativ und gut, abgesehen von einem sehr dunklen Foto auf Seite 43. Es ist ein Nachtfoto und die sind naturgemäß eher dunkel, aber es hilft ja nichts, wenn man auf dem Foto so gut wie nichts erkennen kann. Dafür sind aber die anderen Fotos von guter Qualität. Die nicht gut erkennbaren, und somit nicht hilfreichen, Landkarten werden laut Verlag in der Neuauflage überarbeitet und werden dann hoffentlich auch die nützliche Ergänzung sein, als die sie gedacht waren.

Die Tagebucheinträge der Prinzessin Wiltrud hinterlassen ebenfalls gemischte Eindrücke bei mir. Im ersten Teil, der doch gerade die Flucht der Familie vor der Revolution behandelt, und somit über höchst dramatisches Geschehen berichtet, sind keine Emotionen spürbar, die Familie bleibt einem gänzlich fremd, die Monumentalität der Ereignisse und ihre Auswirkungen auf die Königsfamilie haben mich als Leser nicht erreicht. Wiltrud verliert sich hier in ausführlichen und nebensächlichen Details und so wurde mir das Lesen dieser Passagen eher zäh. Dies ändert sich in den folgenden Buchabschnitten, die persönlicher werden und auch größtenteils – nicht ganz allerdings – auf überflüssige Alltagsroutinedetails verzichten. Hier kann man als Leser schon eher teilhaben, kann dank der Erklärungen der Autorin vieles besser einsortieren. Hier habe ich am Schicksal der Familie richtig Anteil genommen, mitgefühlt. Hier kommt auch die Verzweiflung, die nervliche Belastung aber ebenso der große Mut insbesondere Wiltruds durch. Ich habe hier zudem viel über die fortgehenden Unruhen in München gelernt.

Obwohl ich mir nach Buchbeschreibung und Klappentext tiefergehendere Informationen erwartet hatte, hat mir das Buch einen guten Eindruck der bayerischen Königsfamilie in den turbulenten Revolutionsmonaten und Bayern in der Revolutionszeit vermittelt. Auch mein Interesse wurde angeregt, zur Familie noch mehr zu lesen und zu erfahren.

Zum Abschluß noch ein Lob für die Ausstattung des Buches. Es ist ansprechend gebunden, mit einer schlichten, stilvollen Umschlaggestaltung. Das Vorsatzpapier ist ansprechend und die gesamte Gestaltung ist hochwertig und sorgfältig.

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