Soldatenbriefe

Beim Schreiben versuche ich stets, mich soweit wie möglich in die Gedankenwelt meiner Haupt- und Nebencharaktere einzufinden. Um plausibel beschreiben zu können, wie sie agieren, muß und will ich verstehen, warum sie so agieren, wie sie die Welt um sich sehen, was sie denken und fühlen. Das ist schwierig, wenn es um historische Epochen geht, die aus heutiger Sicht so oft und ausführlich betrachtet und analysiert wurden, daß ich beim Schreiben sehr darauf achten muß, nicht die heutige Sicht in das Geschriebene einfließen zu lassen. Fast unmöglich wird es bei Motivationen, die meinen eigenen diametral entgegenstehen. Junge Menschen, die damals auf die Nazidiktatur hereinfielen, deren Motivation aber nicht einfach durch die tumbe Primitivität vieler (auch gerade heutiger) Rechtsradikaler erklärt werden kann. Wie erklärt man das? Das war ein Thema, zu dem ich viel gelesen habe, Selbstzeugnisse, Tagebücher; versucht habe, das heutige Wissen kurz auszublenden. Meine Leser teilen mir mit, daß es mir gut gelungen sei, die verschiedenen Motivationen der den Nazis zugelaufenen Charakteren meiner Bücher zu erklären. Das freut mich, denn leicht war es nicht.

Ein anderes Thema, an das ich mich recht vorsichtig annäherte, waren die Wehrmachtssoldaten. Es ist mittlerweile nicht mehr strittig, daß die Wehrmacht an brutalen Verbrechen beteiligt war und eben nicht „nur“ in einem Krieg kämpfte (was bei jenem Krieg schon nicht als „nur“ bezeichnet werden darf). Es gab dort Soldaten, die ihre niedrigsten Instinkte ausgelebt haben und so wollte ich nicht verharmlosend schreiben. Andererseits gab es aber auch viele, die nicht kämpfen wollten, die ihr normales Familienleben führen und einfach nur überleben wollten. Mein einer Großvater, von der politischen Ausrichtung sozialdemokratisch, wurde mit gerade 19 eingezogen, hätte darauf gerne verzichtet. Sechzehn-, Siebzehnjährige wurden von der Schulbank an die Ostfront geschickt, erlebten die Schrecken von Stalingrad. Ich finde es wichtig, beide Seiten  zu berücksichtigen und habe in meinem Buch „Des Lebens labyrinthisch irrer Lauf“ bewußt auch verschiedene Arten von Wehrmachtsoldaten beschrieben:

Der Fanatiker, der aus Überzeugung in die Waffen-SS geht, die abscheulichen Verbrechen gerechtfertigt findet und auch nach dem Krieg nicht umdenkt. (Auszug aus einem seiner Briefe: Er hat ihnen deutlich gemacht, dass unsere Arbeit zwar oft unerfreulich und geradezu unappetitlich ist, aber eben notwendig, auch wenn sie nicht so öffentlich bejubelt wird wie die Siege der Wehrmacht. Es ist ganz unglaublich, wie verweichlicht viele der jungen Kerle sind, wenn es daran geht, das Erforderliche zur Sicherung und Stärkung unserer Rasse zu tun.)

Der Familienvater, der in den Krieg geht, weil er muß, der dies als Unterbrechung seines eigentlichen Lebens sieht, der Frau, Kinder und Beruf schmerzlich vermißt und sich im Verlauf des Krieges auch zunehmende Sorgen um die Familie macht. Der im Krieg Dinge tun muß, die gegen sein Gewissen und sein Verständnis von Anstand gehen, der andere Dinge verweigert und genug über die im Namen der Diktatur begangenen Verbrechen weiß, um zu wissen, was das Kriegsende bringen wird. (Er kann es den Daheimgebliebenen kaum verständlich machen, was im Osten geschieht: Ich knalle auch einem Partisanen eine Kugel in den Schädel, wenn es mir befohlen wird, es gehört nun einmal zum abscheulichen gegenseitigen Abschlachten des Krieges, auch wenn ich mich dabei selbst verachte. Aber ich ziehe die Grenze, wenn es völlig jenseits von Anstand und Ehre geht. Manche Vorgesetzte mögen das nicht und es beeinträchtigt die Chance auf Beförderungen, aber ich wiederhole es gerne: es interessiert mich nicht. Ich betrachte das Ermorden von Frauen und Kindern nicht als Pflichterfüllung und ich werde mich dafür auch nie hergeben.)

Der gerade erwachsen Gewordene, der in der Diktatur aufgewachsen ist und von Kindheit an von der Propaganda verführt wurde. Der dann angesichts der Massenerschießungen im Osten aufwacht, zusammenbricht und erkennt, welch mörderischem Regime er da in naiver Begeisterung gedient hat. Der schließlich von eben diesem Regime zermalmt wird, weil er ein Gewissen hat. (Er bricht während eines Fronturlaubes zusammen: Ich denk’ mir doch sowas nicht aus! Sowas kann man sich gar nicht ausdenken! Nach diesem ersten Mal, ich hab wirklich überlegt, mir eine Kugel in den Kopf zu schießen, ich wollte gar nicht mehr denken, gar nicht mehr sein. Die haben mir gesagt, man gewöhnt sich daran, aber das tut man nicht. Und das will ich auch gar nicht! Was ist man denn für eine Kreatur, wenn man sich an sowas gewöhnt!)

Auch hier habe ich mich intensiv eingelesen, um die Gedanken, Motivationen und Ängste dieser Männer zu verstehen. Ich wollte auch wissen, was sie gewußt haben, wie sie mit diesem Wissen umgingen, wie gefährlich es war, sich manchem zu verweigern. Gerade die letzten Fragen waren schwierig zu beantworten. Es gibt wenige Berichte dazu und sie sind manchmal widersprüchlich. Es kann natürlich auch keine allgemeingültige Aussage zu allen Wehrmachtssoldaten getroffen werden. Wenn es um Fakten ging, hielt ich mich lieber an Geschichtsbücher, wenn es um Gedanken und Gefühle ging, an Zeitzeugendokumente. Eine nicht nur informative, sondern auch interessante Quelle waren hier die Soldatenbriefe, von denen man im Internet sehr viele findet. Es gibt zahlreiche Artikel, in denen Soldatenbriefe auszugsweise zu lesen sind, und gerade beim Thema der Briefe von Soldaten aus Stalingrad bin ich fündig geworden. Diese Briefe sind mir sehr nahe gegangen. Es sind viele Abschiedsbriefe von Männern, die wissen, daß sie eiskalt geopfert wurden, die einem grausamen Schicksal entgegensahen. Angesichts der Aussichtslosigkeit ihrer Lage sind sie offener, scheren sich nicht mehr zum die Zensur, denn was haben sie schon noch zu befürchten? So bekommt man gerade in diesen Briefen ehrliche und erschütternde Einblicke. (Diese ehrlichen Briefe wurden von der Diktatur dann teilweise gar nicht zugestellt, so daß den Angehörigen sogar die Abschiedsgrüße, die letzten Lebenszeichen ihrer Männer, Väter, Brüder, Söhne vorenthalten wurden). Jedem an Geschichte Interessierten kann ich eine Internetsuche zu Soldatenbriefen aus Stalingrad empfehlen, aber ich gebe auch zu, daß gerade diese Briefe und Schicksale mir schwer auf dem Herzen gelegen haben. Es war eines der am schmerzhaftesten zu recherchierenden Themen meiner Bücher.

Eine wahre Schatzkiste an Informationen bot diese Seite der Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Hier sind Feldpostbriefe aus verschiedenen Kriegen und aus den Jahren der deutschen Teilung zu lesen, auch die eingescannten Originale sind zu sehen. Ergänzt wird diese erstaunliche Sammlung durch Hintergrundinformationen zu den Schreibenden (soweit verfügbar), manchmal sogar Fotos. Gerade Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg sind hier zahlreich vertreten. Die Sammlung ist hervorragend aufbereitet, man kann hier nach Stichworten sortieren, nach Zeitabschnitten, nach Geographie, oder sich auch einfach durch die Briefe der sogenannten Konvolute stöbern, also aller Autorin und ihrer jeweiligen Briefpartner. Manche sind hier mit nur einem Brief vertreten, die größte Anzahl digitalisierter Briefe betrug 70 (von diesem Soldaten liegen der Sammlung 170 Originalbriefe vor). So habe ich mich durch manchen Briefwechsel hindurchgelesen, auch wenn er für meine Recherche nicht relevant war. Man lernt die Briefpartner richtig kennen, möchte wissen, wie es ihnen ergeht, nimmt Anteil. Man bekommt einen bemerkenswerten Einblick in das Leben, die Gedanken ganz normaler Menschen, die in einer ganz anormalen Zeit leben müssen. Das Paar Ernst und Irene Guicking ist mir dabei sogar ein wenig ans Herz gewachsen, der Ton zwischen ihnen ist liebevoll und auch keck; Irene Guicking war offensichtlich intelligent und witzig, ihre Briefe lasen sich unterhaltsam wie ein Buch (und ein solches ist aus dem Briefwechsel dann auch geworden). Ich habe dann sogar noch ein wenig im Internet gesucht, was nach dem Krieg aus ihnen geworden ist und habe hier auch noch einen weiterführenden Artikel gefunden.

Stunden habe ich auf dieser Website verbracht, unzählige Briefe gelesen. Es war ein interessantes Kaleidoskop der Gedankenwelt von Soldaten und Daheimgebliebenen. Es gab solche, die erschreckende Kaltherzigkeit angesichts der begangenen Verbrechen zeigten, ein Soldat „beruhigt“ seine Frau regelrecht, daß im Osten richtig aufgeräumt würde. Kritische Stimmen gibt es weniger, was angesichts der Zensur auch verständlich ist. Manchmal schimmert zwischen den Zeilen etwas andeutungsweise durch und es hätte mich interessiert zu erfahren, was diese Paare während des Fronturlaubs besprochen haben. Überrascht war ich, wie freizügig manche Paare korrespondierten – verklemmt war unsere Großelterngeneration ganz offensichtlich nicht! Hier scheint die Zensur  die verliebten Paare nicht gestört zu haben und es ist ein ganz erfrischender Blick in eine private Seite, die wir von früheren Generationen eher selten erfahren.

Und so sind diese Soldatenbriefe aus verschiedenen Kriegen, ebenso wie die Briefe zwischen Ost und West nach dem Krieg, besser als so manches Geschichtsbuch, bieten genau diesen Blick auf die echten, normalen Menschen, die die von den Mächtigen inszenierte Geschichte erleben, überleben müssen.

Der Museumsstiftung, die in so aufwendiger und langwieriger Arbeit diese Briefe digitalisiert, sortiert und damit ein fast einzigartiges Nachschlagewert geschaffen hat, kann ich nur meinen Respekt aussprechen.

 

Ein Kommentar zu „Soldatenbriefe

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