Buchempfehlung: Anna und der Goethe

Normalerweise empfehle ich hier nur historische Bücher, die zum Thema meiner eigenen Bücher passen, mir bei der Recherche und dem Hineinfühlen in die Gedanken und Gefühle der Menschen vergangener Zeiten helfen. Lucy Blohms „Anna und der Goethe“ ist nicht historisch, es ist ein in der heutigen Zeit spielender Entwicklungsroman. Aber abgesehen davon, daß es ein sehr unterhaltsames Buch ist, lernt man hier den guten Geheimrat Goethe mal von einer anderen Seite kennen. Für manche sicher auch ein toller Zugang zu unserem Universalgenie.

 

Am 9. Mai 1802 schrieb Goethe aus Jena an Schiller: „So einen, auf der äußern Form des Nächstvergangenen sich herumdrehenden Wahnsinn habe ich doch noch nicht gesehen. Doch wer will ein Wort für so eine Erscheinung finden. (…)Im Ganzen geht es mir hier sehr gut, und es würde noch besser gehen und werden, wenn ich meinen Aufenthalt noch einige Wochen hinausdehnen könnte.“

Die Sätze passen letztlich auch ganz gut auf Goethes Erfahrungen mit Anna in diesem lesenswerten Buch. Die Autorin beschreibt ihr Buch u.a. mit diesem Satz: „Wenn man den Roman in eine literarische Gattung stecken möchte, wäre es wohl ein lustiger Entwicklungsroman.“ Ich finde, diese Beschreibung passt gut. Wir begleiten Anna durch einen sehr ungewöhnlichen Entwicklungsprozess, wird dieser doch von Johann Wolfgang von Goethe persönlich unterstützt!

Zu Beginn des Buches lernen wir die 24jährige Anna als temperamentvollen, aber auch zutiefst verunsicherten Menschen kennen. Sie hat ihren Beruf aufgegeben, um ihr Abitur nachzuholen, mit dem Wunsch, später zu studieren. Ein – für mich erschreckend – wenig unterstützendes Umfeld macht ihr das Leben schwer und lässt sie sowohl an sich, wie auch an ihrem Entschluss zweifeln. Diese ersten Kapitel sind in einem flotten, humorvollen, teils etwas überdrehten Stil geschrieben. Ich war sofort in der Geschichte drin, das Weiterlesen hat Spaß gemacht und das erste Drittel des Buches habe ich fast in einem Zug und mit großem Vergnügen gelesen. Es geht mir selten so, daß ich so schnell in ein Buch hereinkomme. Schön ist, daß dies auch durch das ganze Buch hinweg anhielt. Ich war nie gelangweilt, fand nichts zäh, freute mich stets auf das Weiterlesen. Der Humor war zum Großteil genau mein Geschmack, an manchen Stellen habe ich laut gelacht, oft geschmunzelt. Einige Male rutschte es für meinen Geschmack zu sehr ins Alberne ab. Es gab zwei Szenen, die mir überhaupt nicht gefielen und auch durchaus an der Fünf-Sterne-Wertung für das Buch kräftig gerüttelt haben. Auch Annas Tendenz, sich übertrieben absurde Erklärungen für ihr Verhalten auszudenken, war nicht mein Fall und erinnerte mich an die schwächeren Stellen in der Shopaholic-Serie. Gerade weil Lucy Blohm sonst einen so ansprechenden Humor hat, ziehen die albernen Stellen den Gesamteindruck doch herunter. Das macht sie dafür aber dann mit vielen ganz wundervollen Szenen und Sätzen mehrfach wieder wett.

Irgendwann ist er also da, der Goethe, sitzt in Annas Küche. Warum und wie er dort ist, das verrate ich hier natürlich nicht, aber so viel sei gesagt: es hat seinen Grund, daß er da ist und dies durchaus auf beiden Seiten. Goethes wohlgesetzte Sprache im Gegensatz zu Annas teils etwas flapsiger Ausdrucksweise bieten wundervolles humoristisches Potential und die Autorin weiß es zu nutzen. Die beiden führen herrliche Dialoge. Ein wenig anstrengend fand ich es, daß Anna ihren neuentdeckten Ärger über ihr Umfeld und auch ein wenig über sich selbst so sehr auf Goethe fokussiert, daß sie ihn über mehrere Kapitel hinweg fast durchweg anschreit oder beschimpft. Es ist in gewisser Weise nachvollziehbar, aber hier wäre weniger mehr gewesen. Irgendwann hat es mein Lesevergnügen doch ein wenig beeinträchtigt.

Sehr schön Goethes Entdeckung des 21. Jahrhunderts. Man merkt, Lucy Blohm kennt ihren Goethe, seinen Charakter und sein Leben. Ich fand es sehr nachvollziehbar, wie Goethes Verhalten hier beschrieben wird. Von diesem Kulturschock hätte ich gerne noch ein wenig mehr gelesen, aber es war auch so schon sehr unterhaltsam und gut präsentiert.

Das letzte Drittel des Buches hat eine gänzlich andere Atmosphäre als der Anfang. Das Überdrehte weicht dem Kontemplativen, die Wut der Einsicht, das Unverständnis der Freundschaft. Es ist ein Entwicklungsroman auf mehreren Ebenen: Anna entwickelt sich, Goethe entwickelt sich und auch die freundschaftliche Beziehung der beiden entwickelt sich. Und hier merkt man: ein privilegierter in höfischen Kreisen verkehrender Dichterfürst aus dem 18. und eine ihr Abitur nachholende, rosa Plüschkätzchenpantoffeln tragende in einer WG lebende junge Frau aus dem 21. Jahrhundert können durchaus ähnliche Probleme und Zweifel haben. In diesem Teil des Buches stehen Sätze, wie „Wenn du nicht wieder zurück in dein Leben gebracht wirst, wird die ohnehin oftmals traurige Geschichte Deutschlands noch trauriger“, wird die allmähliche Erkenntnis Annas über ihr Leben und ihre Möglichkeiten in der heutigen Zeit so anrührend beschrieben, daß ich – ich gebe es zu – ausgesprochen gerührt war. Die Szene, in der Goethe Anna des Nachts im Schlosspark Lyrik durch Erleben nahebringt, hat mich in ihrer schlichten Intensität einfach umgehauen.

Ich finde, der quirlige erste und viel ruhigere zweite Teil harmonieren sehr gut, auch wenn ich einen leicht (!) abgedämpften ersten Teil für das Ganze noch harmonischer gefunden hätte. Der sich ändernde Stil paßt zur sich ändernden Persönlichkeit Annas. Die Autorin behält ihr gutes Erzähltempo bei, auch die Veränderungen in Anna finden nachvollziehbar statt, nicht zu abrupt. Die Idee, diesen Prozess durch Goethe begleiten zu lassen, ist an sich schon einfach so unglaublich klasse, und dann wurde sie auch noch gut umgesetzt.  Ein weiterer Vorteil ist, daß vielleicht auch Leser, die sich normalerweise nicht mit Goethe beschäftigen oder sich für ihn interessieren würden, durch dieses Buch auf denkbar unterhaltsame Weise an ihn herangeführt werden. Man lernt hier sehr viel über Goethe. Nicht nur die Daten und Werke, sondern auch über den Menschen, seine Gedanken und Sorgen. Die Autorin hat weitreichendes Wissen über Goethe und zudem die Gabe, es richtig gut zu vermitteln.

Ich bin richtig traurig, das Buch beendet zu haben. Es haben mir wenige Bücher so gut gefallen – und das, obwohl ich nicht die Zielgruppe für Entwicklungsromane bin. Dieses Gegen- und Zusammenspiel von Anna und Goethe hat mir Spaß gemacht und die beiden werden mir ein wenig fehlen. Zum Abschluß noch ein Zitat, diesmal von Schiller in einem Brief an Goethe: „Ich kann das Gefühl, das mich beim Lesen dieser Schrift (…) durchdringt und besitzt, nicht besser als durch eine süße und innige Behaglichkeit, durch ein Gefühl geistlicher und leiblicher Gesundheit ausdrücken, und ich wollte dafür bürgen, daß es dasselbe bei allen Lesern im Ganzen seyn muß.“

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