Buchempfehlung: Die Schand-Luise

In „Die Schand Luise“ betrachtet Ulrike Grunewald das Leben einer wohl den meisten unbekannten Frau: Luise von Sachsen-Gotha-Altenburg (1800 – 1831), Schwiegermutter Queen Victorias. Die junge Dame betrachtet uns auf dem schlichten und gelungenen Titelbild mit großen Augen und der Andeutung eines in sich ruhenden Lächelns. Zu dem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, was für ein unruhiges und trauriges Leben sie erwarten wird.

Die Autorin beginnt mit dem Ende der Geschichte, wir begegnen Luise im ersten Kapitel erst einmal als bereits Verstorbene. Der Schreibstil ist lebendig und in den ersten beiden Kapiteln (im positiven Sinne) romanhaft. Das Erzählte ersteht vor unseren Augen auf, man kann die gut beschriebenen Lokalitäten vor sich sehen, sich in die Personen hineinfühlen. Dadurch, daß diese beiden Kapitel relevante Geschehnisse vorwegnehmen, sieht der Leser gleich, welch dramatischen Ereignisse Luise bevorstehen. Dies ist eine gute Idee, allerdings stellen sich dadurch beim Lesen viele Fragen. Es waren mir etwas zu viele Fragen, die mich so beschäftigten, daß ich mich nicht wie gewünscht auf den Text konzentrieren konnte. Eine umfassendere Erklärung oder einige Fußnoten hätten dies leicht vermeiden können. Trotzdem ist es ein engagierender Einstieg ins Buch.

In den folgenden Kapiteln ist das Geschehen dann weitgehend chronologisch, vom Stil her nicht mehr romanhaft. Weiterhin ist der Schreibstil angenehm und lebendig zu lesen. Es ist immer schön, wenn Sachbücher nicht zu trocken daherkommen. Ulrike Grunewald kann Wissensvermittlung und eine unterhaltsame Erzählweise gut kombinieren. Was dafür leider sehr fehlt, ist ein Stammbaum, gerade zu Beginn, wenn man mit zahlreichen neuen Namen und Verwandtschaftsverhältnissen konfrontiert ist.

Im Laufe des Buches begleiten wir Luise durch ihr Leben, gut kombiniert mit den historischen und dynastischen Hintergründen, die ihr ganz persönliches Dasein beeinflussen. Diese Hintergrundinformationen erhalten viel Raum und sind interessant zu lesen. Die Darstellung ist meistens klar und gut lesbar. Leider gibt es aber an mehreren Stellen Wiederholungen. Das liegt unter anderem auch daran, daß viele Fakten schubweise vermittelt werden. Ein kurzer Einblick in einem Kapitel wird dann in einem oder mehreren späteren Kapitel(n) weiter ergänzt. In diesem Zusammenhang wird dann eben bereits Geschriebenes wiederholt, und das oft sehr detailreich. Etwas erstaunt war ich, in einem Absatz zwei fast wortgleiche Sätze zu lesen.

Die häppchenartige Informationsvermittlung führt auch dazu, daß viele Fragen zunächst offen bleiben, Dinge kurz angesprochen, aber nicht hinreichend erklärt werden. Gerade in den ersten Kapiteln gab es so viele Andeutungen und unerklärte Themen, daß ich beim Lesen etwas frustriert war und zu viel im Internet nachschlagen mußte, was ich von einem guten Sachbuch nicht erwarte. Einige dieser Themen wurden zwar später aufgegriffen und erklärt, aber das war bei den Anfangskapiteln nicht absehbar. Ich hätte eine zusammenhängendere Erzählweise vorgezogen. Einige Fragen werden leider überhaupt nicht beantwortet, mir blieb zu viel unerklärt. Das kann in manchen Fällen sicher daran liegen, daß schlichtweg keine Quellen vorhanden waren, dann wäre es aber schön, wenn man dies dem Leser entsprechend mitteilen würde. Bei mehreren Themen ist aber davon auszugehen, daß es Quellen gab, und dann ist es ärgerlich, wenn Punkte nicht erläutert werden.

Der Umgang mit Zitaten ist gut gelungen, die Autorin baut diese sehr geschickt ein; so erstehen Ereignisse vor unseren Augen auf und gewinnen erzählerische Tiefe. Sehr erfreulich zum Beispiel ein Augenzeugenbericht des späteren „Gartenlaube“-Chefredakteurs Friedrich Hofmann über die kurzfristigen Unruhen in Coburg. Viele der auszugsweise zitierten Briefe sind ebenfalls interessant und geben den Personen Kontur und Lebendigkeit. Ein für mich ganz neues Licht wurde durch das Buch auf Victoire, Queen Victorias Mutter, geworfen, von der ich aus anderen Büchern einen viel negativeren Eindruck bekommen hatte. Luises Schwager Leopold, Onkel von Queen Victoria und später erster König von Belgien, wird hier ebenfalls gut und vielfältig beschrieben. Auch bei anderen Personen wurde ich angeregt, mich über diese noch eingehender zu informieren. Luise selbst und ihr Mann Ernst dagegen bleiben ein wenig blaß, was aber auch an den intensiven Personen um sie herum liegen kann. Jedenfalls merkt man, wie viel sorgfältige Recherche in diesem Buch steckt, und es ist erfreulich, wie kurzweilig die Informationen vermittelt wurden.

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