Mein Leipzig lob ich mir

Wie wohl viele Autoren bin ich momentan ganz im Buchmessenfieber – noch etwas mehr als zwei Wochen und ich bin in meinem geliebten Leipzig. Es stehen zwei Lesungen und eine interessante Diskussion mit anderen Autoren bei Lovelybooks an – das ist aufregend (und macht durchaus nervös). Es ist ein besonderes Erlebnis, meine Bücher, in denen Leipzig fast auch schon einer der Charaktere ist, gerade in dieser herrlichen Stadt in Lesungen vorstellen zu können. Ich hoffe, daß ich dabei nicht zu emotional werde – bei meinem letzten Besuch bin ich zu den Orten gegangen, die im Buch und der Familie Schönau eine große Rolle spielen (und der Aufenthalt im wundervollen Hotel Fürstenhof – nicht umsonst das Lieblingshotel meiner Protagonisten – hat mich für jedes andere Hotel verdorben). Das war ein gefühlsmäßig stark bewegender Stadtrundgang!

Es werden also bis zur Buchmesse noch ein paar Leipzig-bezogene Einträge hier folgen, während ich mich schon ganz kribbelig auf mein Wiedersehen mit einer meiner Lieblingsstädte freue. Dies hier ist ein Artikel (englisches Original hier), den ich vor einigen Jahren für den British Club of the Taunus schrieb und in dem ich meine Leidenschaft für Geschichte und für Leipzig kombinieren konnte.

__________________

Leipzig ist eine außergewöhnlich schöne Stadt, eine, die mich immer wieder auf’s Neue begeistert. Es hat das gemütlich-pittoreske Gohlis, die mühelose Eleganz des Waldstraßenviertels, das belebte und doch angenehm wenig hektische Zentrum, sowie eine Vielzahl herrlicher Cafés und Restaurants. Zudem sind die Menschen dort von ehrlicher Herzlichkeit. Wenn Sie noch nie in Leipzig waren, fahren Sie hin.

Leipzig ist getränkt in Geschichte. (Falls Sie nun aufhören zu lesen, weil Sie nicht an Geschichte interessiert sind: fahren Sie trotzdem nach Leipzig! Es hat noch viel mehr zu bieten als Geschichte.) – Es hat eine der ältesten Messen der Welt, die zweitälteste Universität Deutschland, die erste tägliche Zeitung der Welt (!) wurde 1660 hier veröffentlicht und 1693 wurde eines der ersten Opernhäuser Europas hier eröffnet. Es war das Zuhause einiger der beeindruckendsten Künstler Deutschlands, wie Goethe, Bach, Mendelssohn Batholdy oder Schiller. Und es war der Ort, an dem die unwälzenden Geschehnisse der Wende ihren Anfang nahmen.

Hier nun folgt ein Überblick der (meiner persönlichen Meinung nach) wichtigsten Ereignisse in Leipzigs Geschichte.

Goethe studiert nicht gerade viel (1765 – 1768)

Im Jahre 1765 kommt der sechzehnjährige Goethe in Leipzig an, um sein Jurastudium aufzunehmen. Es ist nicht seine Entscheidung, er wollte Geschichte und Lyrik studieren, aber sein Vater bestand darauf, daß der junge Johann Wolfgang etwas Anständiges lernte. Goethe hat keine Wahl, wenn er die großzügige finanzielle Unterstützung seines Vaters in Anspruch nehmen möchte, aber er nimmt sich heimlich vor, die Zeit in Leipzig für seine eigenen Interessen zu nutzen. Goethe ist von der lebhaft-modernen Stadt überrascht – und auch ein wenig überwältigt. Er durchlebt einen kleinen Kulturschock, nicht nur wegen des plötzlichen Sprungs in ein solch anderes Umfeld (seine Heimatstadt Frankfurt war zu der Zeit noch ziemlich mittelalterlich angehaucht), sondern auch wegen des Dialekts. Er bewältigt diesen anfänglichen Kulturschock aber rasch und genießt das Leben in vollen Zügen. Zu Beginn läßt er sich sogar ab und zu an der Universität blicken und schreibt anerkennend, daß Leipzig so kultiviert und verfeinert ist, daß es sich sogar auf das Benehmen der Studenten auswirkt. Er findet dies bemerkenswert, denn anscheinend waren die Studenten im nahen Jena und Halle roh und unhöflich. (Ich kann nichts zu Hallenser Studenten sagen, aber die Jenaer Studenten benehmen sich heutzutage tadellos. Ich weiß es, ich war eine von ihnen.)

Goethe streßt sich mit dem Studium nicht. Nachdem er sich modische Kleidung besorgt hat (bei seiner Ankunft war er nicht ganz up to date gekleidet), schließt er viele Freundschaften, besucht Lyrikvorlesungen und schreibt Gedichte. Vor der Alten Börse kann man die Goethestatue sehen, die 1903 enthüllt wurde. Sein Gesicht wendet sich zur Universität, aber sein rechter Fuß spricht eine andere Sprache, er zeigt in Richtung von Auerbachs Keller, einem Weinlokal (heute ein Restaurant), wo Goethe gerne rumhing.

VLUU L100, M100  / Samsung L100, M100

Die eifrigen Faustleser unter Ihnen werden Auerbachs Keller als den Ort erkennen, an den Mephisto Faust führte, um mal so richtig schönen trunkenen Spaß zu haben. Es ist der einzige Ort aus „Faust“ der in der Wirklichkeit existiert und zudem schon seit mindestens 500 Jahren als Unternehmen besteht (das nenne ich mal ein erfolgreiches Geschäftskonzept!). Er gibt hier Wandgemälde, die die alte Faustlegende zeigen (die Geschichte gibt es schon seit dem 16. Jahrhundert). Goethe sieht diese Bilder und schon ist es geschehen – er wird zu seinem berühmtesten Werk inspiriert. Die zwei Szenen, die in diesen Bildern gezeigt werden (Faust trinkt mit den Studenten und reitet dann stilgemäß auf einem Weinfaß aus dem Weinlokal) finden sich in Goethes „Faust“. Die Bilder sind heute noch in Auerbachs Keller zu sehen. Man muß dazu an der Tour teilnehmen, aber es lohnt sich. Die Tour führt auch zum historischen Faßkeller aus dem Jahre 1525, welcher winzig ist, mit einer faßförmigen Decke, historischen Wandgemälden, einem authentischen alten Weinfaß und einer von der Decke hängenden riesigen Skulptur eines Hexenritts. Das Hauptrestaurant wirkt – auf den ersten Blick – ziemlich fade, aber man sollte die Wände beachten, die mit Bildern aus der Geschichte Leipzigs bedeckt sind.

Vor Auerbachs Keller befindet sich eine Statue von Faust und Mephisto. Auch hier lohnt es sich, auf einen Fuß zu achten, diesmal Fausts linken Fuß. Man kann sehen, daß die Spitze viel heller ist als die restliche Statue. Den Fuß zu berühren, soll Glück bringen. Mir wurde sogar gesagt, daß es sicherstellt, daß man nach Leipzig zurückkehren wird und so lasse ich dies natürlich nie aus.

VLUU L100, M100  / Samsung L100, M100

Zusätzlich zu Party und Poesie beginnt Goethe seine lebenslange Tradition, sich schnell zu verlieben. Es gibt zwei Mädchen, die er in Leipzig anschwärmt: Käthchen Schönkopf und Friederike Oser, die beide in Gedichten verewigt werden. Allerdings sind all diese außerstudentischen Aktivitäten zu anstrengend für Goethe. 1768 bricht er zusammen, ist dem Tode nahe und eilt zurück nach Frankfurt, wo er sich ein Jahr lang erholt. Er wird noch mehrfach nach Leipzig zurückkehren, aber nur für Besuche.

Schiller schreibt eine ganze Menge (1785)

Wir drehen die Zeit vor ins Jahr 1785 und ein weiterer berühmter Schriftsteller betritt Leipziger Boden. Allerdings war es eigentlich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht Leipzig, sondern ein eigenes Dorf – Gohlis, heute vorwiegend ein Wohnviertel und der Ort, an dem sich das Gohliser Schlößchen befindet (heute ein Restaurant, wo eine Freundin und ich einmal von einem hitzigen Streit in der Küche begrüßt und ansonsten völlig ignoriert wurden, als wir Kaffee und Kuchen bestellen wollten. Wie ich hörte, hat sich der Service seitdem nicht wesentlich verbessert. Das Schloß selbst aber ist sehr hübsch).

Schiller kommt nicht für Kaffee und Kuchen nach Gohlis. Es geht ihm nicht gut – er hat keine Arbeit, kein Geld und ist bei schlechter Gesundheit, wie er es leider fast sein ganzes Leben sein wird. Freunde laden ihn nach Leipzig ein. Die Freude und Dankbarkeit, die Schiller darüber empfindet und ausdrückt, ist rührend. Er ist bereits ein bekannter Autor und in Leipzig kümmert man sich gut um ihn und läßt ihn an einem lebhaften gesellschaftlichen Leben teilhaben. Nach einiger Zeit in der Stadt zieht Schiller nach Gohlis, zu jener Zeit ein Dorf mit 450 Einwohnern. Hier bewohnt er zwei Zimmer eines Bauernhauses und genießt die friedliche, ländliche Atmosphäre und die vielen neuen Freunde in der Nähe. Trotzdem ist Schiller nicht faul, er schreibt viel in diesen Monaten, wie Akt 2 des „Don Carlos“ und die erste Fassung seiner berühmten „Ode an die Freude“ (genau genommen schreibt er diese während eines Besuches in Dresden).

Das Haus, in dem er wohnte, ist bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Museum. Es ist nicht nur das älteste literarische Denkmal in Deutschland, sondern auch das älteste noch existierende Bauernhaus in der Leipziger Gegend. Es ist winzig, spärlich möbliert und vermittelt einen lebhaften Eindruck der bescheidenen Umstände, in denen Schiller lebte. Ein Raum zeigt ein Modell von Gohlis zu Schillers Zeiten, im Schillerzimmer sieht man eine Büste des berühmten Autors. (Es ist faszinierend, wie attraktiv Schiller auf Statuen und Büsten immer aussieht. In echt war er nicht ganz so schön).

schiller

Es gibt auch regelmäßig Veranstaltungen im Schillerhaus. Als wir einmal abends dort entlangliefen, sprang uns ein Herr in der Kleidung des 18. Jahrhundert mehr oder weniger vor die Füße, hielt uns ein Tablett ins Gesicht und fragte: „Fischbrötchen?“ (Ich glaube, das passiert nicht vor vielen literarischen Denkmälern). Er berichtete uns dann von einer gerade stattfindenden Veranstaltung. Aber auch ohne Veranstaltung ist das kleine Haus einen Besuch wert.

Napoleon bekommt richtig eins auf die Nase (1813)

Im Jahre 1813 hält man Napoleon in fast ganz Europa für eine ziemliche Plage, weil er den Großteil des Kontinents erobert hatte. Allerdings ist er bereits auf dem Abstieg. 1812 war schon nicht wirklich sein Jahr. Rußland zu erobern war nicht so einfach, wie er dachte, und obwohl er rücksichtslos die meisten seiner Soldaten opferte, wurde er schliesslich vom russischen Winter und der russischen Armee aus dem Land getrieben. Preußen, Österreich und mehrere andere deutsche Königreiche, Herzogtümer uä behielten die Ereignisse in Rußland genau im Auge und öffneten wahrscheinlich die eine oder andere Flasche Champagner, als sie die Neuigkeiten erfuhren. Einige waren aber auch Napoleons Verbündete – entweder weil sie keine andere Wahl hatten, oder weil sie Vorteile dadurch hatten.

Nun sehen sie alle die Möglichkeit, den lästigen kleinen Mann ein für allemal nach Frankreich zurückzuschicken. Preußen teilt Napoleon mit, wohin er sich seinen Zweispitz stecken kann und schließt ein Bündnis mit Rußland. England, Schweden und Österreich schließen sich an. Napoleon wußte, daß er nicht gerade beliebtester Herrscher des Monats (oder der Dekade) war, aber bis jetzt hatte noch niemand ihm entgegentreten können. Nun steht er einem mächtigen Bündnis gegenüber. Er hat noch einige deutsche Länder auf seiner Seite, unter ihnen Sachsen, in welchem nun die Kämpfe zwischen Napoleon und seinen Feinden stattfinden. Der Sommer 1813 ist nicht gerade spaßig für Napoleon, dessen Truppen mehrfach geschlagen werden.

Im Oktober kommt es dann in Leipzig zum großen Showdown. Die Völkerschlacht findet vom 16. – 19. Oktober statt und die Kämpfe tragen sich an mehreren Orten um die Stadt und den umgebenden Dörfern zu. Die Schlacht ist brutal und blutig. Niemals zuvor haben so viele Soldaten (fast 550.000) in einer Schlacht gekämpft. Napoleon ist zahlenmäßig unterlegen und dann beschließt sein Verbündeter Sachsen, daß es ohne ihn besser dran ist, und wechselt die Seiten. Die Schlacht ist am 18. Oktober entschieden. Schließlich, am frühen Morgen des 19. Oktober, zieht Napoleon sich zurück, was gar nicht so einfach ist, denn er hat nie Rückzugspläne gemacht, hat eine Niederlage gar nicht erst in Erwägung gezogen (man kann ihm viel vorwerfen, aber sicher keinen Mangel an Selbstbewußtsein).

Die Völkerschlacht beendet Napoleons Herrschaft über Deutschland (bzw dem Gebiet, das wir heute Deutschland nennen). Zwei Jahre später beendet die Schlacht von Waterloo seine Pläne insgesamt. Der 18. Oktober, der entscheidende Tag der Völkerschlacht, wird noch lange Jahre ein Tag der Feiern bleiben. Kleine Denkmäler überall in Leipzig dienen als Erinnerung an die verschiedenen Orte der Schlacht. Am 18. Oktober 1913, einhundert Jahre nach der Völkerschlacht, wird das Völkerschlachtdenkmal von Kaiser Wilhelm II und dem sächsischen König Friedrich August III eröffnet (meine aufmerksamen Leser wissen: das ist der Anfang von „Bürgerin aller Zeiten„).

Es ist einen Besuch wert, nicht nur als Erinnerung an die Schlacht, sondern auch als Beispiel für die Monumentalarchitektur der letzten Jahre des Kaiserreiches. Das Denkmal ist 91 Meter hoch und besteht fast ausschließlich aus Beton. Es sieht beindruckend aus, ein wenig einschüchternd.  Vor dem Denkmal ist ein großes Wasserbassin – ein Symbol für die Tränen, die für die vielen Opfer der Schlacht vergossen wurden.

Das Denkmal wird vom Erzengel Michael bewacht, dem Schutzpatron deutscher Soldaten, der passenderweise martialisch dargestellt ist.

IMG_20150708_220239

Im Inneren gibt es drei „Etagen“. Ganz unten, die Krypta. Ein bronzener Stein auf dem Boden dient als symbolisches Grab für jene, die ihr Leben in der Schlacht verloren haben. Es wird umgeben von wachestehenden Soldatenskultpturen, die Soldaten stehen vor riesigen trauernden Gesichtern.

Über der Krypta befindet sich eine Galerie, die sogenannte Ruhmeshalle. Vier Statuen, jede fast zehn Meter hoch, stellen die Tugenden der deutschen Völker im Kampf gegen Napoleon dar – Mut, Glaube, Fruchtbarkeit und Opferbereitschaft.

Draußen, auf dem Denkmal, stehen zehn riesige Statuen Wache, Symbole für Aufmerksamkeit und Verteidigungsbereitschaft.

IMG_20150708_220246.jpg

Abgesehen von der mächtigen Symbolik bietet das Denkmal wundervolle Blicke über Leipzig und die Umgebung. Ein Aufzug (oder viele, viele, viele Stufen) bringt einen nach ganz oben. Die Denkmalsspitze kann nur über Stufen erreicht werden, über die ganze Länge des Denkmals sind in einem engen runden Treppenhaus 500 Stufen zu bewältigen. Und nein, ich bin sie nicht alle hochgeklettert. Hohe Absätze und niedriger Fitnesslevel eignen sich dafür einfach nicht.

Die Menschen kämpfen für Freiheit (1989)

Vor einiger Zeit stand ich an einem Fenster und schaute hinunter auf die Nikolaikirche und den Nikolaikirchhof. Es war ein ruhiger Abend, das Ende eines warmen, sonnigen Tages. Der Nikolaikirchhof war nahezu menschenleer, nur einige Leute schlenderten auf ihrem Heimweg vorbei. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie dieser Platz in jenen aufregenden Wochen im Oktober 1989 aussah und klang, als die Demonstrationen in Leipzig und anderen ostdeutschen Städten letztlich zur Öffnung der innerdeutschen Grenze führte. Es gibt wenige Fotos oder Videos dieser Demonstrationen – die Regierung wollte nicht, daß jemand das Geschehen dokumentierte.

Wie begann es alles? 1982 werden in der Leipziger Nikolaikirche wöchentliche Friedensgebete eingeführt. Sie bieten nicht nur eine Gelegenheit, in Zeiten nuklearer Aufrüstung für den Frieden zu beten, sondern stellen auch ein halbwegs sicheres Umfeld für Diskussionen und Meinungsaustausch zur Verfügung – etwas, daß in der DDR nicht selbstverständlich war. Es muß wohl kaum erwähnt werden, daß die Regierung über diese Friedensgebete nicht begeistert ist. Der verantwortliche Geistliche wird regelmäßig verhört, obwohl in den ersten Jahren noch nicht einmal viele Menschen an diesen Gebeten teilnehmen. Zugang zur Nikolaikirche wird bereits 1984 durch Polizeibarrieren erschwert. Stasimitarbeiter nehmen an den Versammlungen in der Kirche teil, und somit sind diese Friedensgebete nicht ein regulärer Kirchenbesuch – sie können einen in Schwierigkeiten bringen. Trotzdem gehen die Menschen. Mehr und mehr. Ende 1988, als die Ostdeutschen ihre Unzufriedenheit öffentlicher kundtun, steigt die Teilnehmeranzahl an den Friedensgebeten deutlich an. Nach den Gebeten führen viele Leute ihre Diskussionen im angrenzenden Nikolaikirchhof fort. Während des Frühlings 1989 entwickeln sich die Versammlungen zu friedlichen Demonstrationen von 300 – 500 Menschen.

Im September nehmen mehr als 1.000 Menschen an den Friedensgebeten teil. Die Kirche quillt fast über. Die Regierung wird zunehmend nervös und reagiert mit Festnahmen und weiteren Barrieren. Die Anzahl der Teilnehmer an den Friedensgebeten und den sich anschließenden Montagsdemonstrationen (im September sind sie in Leipzig und anderen ostdeutschen Staaten regelmäßige Ereignisse) steigt in Leipzig auf 5.000. Am 2. Oktober – 20.000 Menschen. Der Staat schlägt mit schrecklicher Gewalt zurück und zu dem Zeitpunkt kann niemand sagen, was als nächstes geschehen wird. Das Massaker vom Tiananmen Platz in China im Juni 1989 ist noch frisch in der Erinnerung. Würde etwas anderes hier passieren?

In Westdeutschland wird zu Beginn nicht ausführlich über die Demonstrationen berichtet, aber im September sind sie täglich in den Schlagzeilen. Auch wir haben uns gefragt, wie die DDR-Regierung vorgehen würde – es war wie eine Serie mit einem täglichen Cliffhanger (aber natürlich wesentlich ernster).

Am Montag, dem 9. Oktober 1989, sind Polizei, Armee und Krankenhäuser in Bereitschaft. Die Zugverbindungen nach Leipzig werden erschwert, die Atmosphäre angespannt. Trotzdem versammeln sich 70.000 Menschen im und um den Nikolaikirchhof. Ein Appell zur Gewaltlosigkeit wird in der Nikolaikirche verlesen. Das Wunder geschieht – zum ersten Mal begegnet die Staatsmacht der Demonstration nicht mit Gewalt. Anscheinend ist die Regierung schlichtweg überfordert und überrascht angesichts der unglaublichen Menge an Teilnehmern. Polizei und Soldaten wird der Rückzug befohlen. Die Menschen haben die Staatsmacht gebrochen. Es ist das Wunder von Leipzig.

Erich Honecker tritt am 18. Oktober 1989 zurück. Der 18. Oktober kommt Ihnen bekannt vor? Dann werfen Sie einfach noch einmal einen Blick auf den Völkerschlacht-Abschnitt…

Von nun an steigt die Anzahl der Teilnehmer der wöchentlichen Demonstrationen kontinuierlich an, bis zu 400.000 Menschen demonstrieren am 6. November in Leipzig – die letzte Demonstration vor der Öffnung der Grenze.

Die Nikolaikirche zeigt eine kleine Ausstellung über die Ereignisse von 1989. Die Kirche selbst ist atemberaubend schön – hell, mit einer charmanten Farbkombination aus zartgrün und hellrosa. Der Nikolaikirchhof wird von einer der Säulen geschmückt, die sich auch in der Kirche finden – ein Denkmal für die friedlichen Demonstrationen. Das ist auch schon fast alles – es gibt keine aufwendigen Monumente für die Leipziger Geschehnisse von 1989. Trotzdem gibt es viele Erinnerungsorte, wie das große (100 x 30 m) Wandgemälde, das die Demonstration des 9. Oktobers und die folgenden Ereignisse darstellt. Die Runde Ecke, das ehemalige Stasibüro, beherbergt nun ein Museum welches zeigt, wie beängstigend gründlich die Stasi die Bürger ausspionierte.

An einem einzigen Tag kann man also in Goethes Fußstapfen gehen, sehen, wo Schiller arbeitete, des Sieges über Napoleon gedenken und sich daran erinnern, wie mutig die Bürger Leipzigs und anderer ostdeutscher Städte für ihre Rechte einstanden. Also – ab nach Leipzig. Es lohnt sich.

Ein Kommentar zu „Mein Leipzig lob ich mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s