Schreiberfahrungen: Gastbeitrag der Autorin Lucy Blohm

Als Lucy Blohm Anfang des Jahres bei Lovelybooks eine Leserunde zu ihrem neuen Roman „Anna und der Goethe“ eröffnete, war ich sofort Feuer und Flamme. Ein Buch, in dem Goethe in die heutige Zeit reist, welch ein Traum! Ich war ein wenig neidisch auf die Protagonistin Anna, die eines Morgens Goethe (Goethe!!) in ihrer Küche vorfindet. Natürlich wollte ich wissen, wie diese Idee umgesetzt worden war. Die Leseprobe versprach einen flotten Stil und guten Humor. Der gute Eindruck wurde bestätigt, wie man auch hier meiner Rezension entnehmen kann.

Abgesehen davon, daß das Buch eine Freude war, entpuppte sich auch der Austausch mit der Autorin Lucy Blohm als Vergnügen. Das ist einer der vielen Vorteile von Lovelybooks – ich habe dort einige ganz tolle Autoren kennengelernt! Lucy Blohm hat ein weiteres Buch geschrieben, die Novelle „Mit gebrochenen Flügeln“, einer der Finalisten des Kindle Storyteller Awards 2018. Bei einer so guten Autorin, der die Balance zwischen Humor und Ernstem hervorragend gelingt, fand ich die Hintergründe der Buchideen interessant und fragte Lucy, ob sie ein wenig darüber für diesen Blog schreiben würde. Sie sagte sofort zu und hier haben wir nun Lucy Blohms eigene Zeilen, die einen tollen Einblick in das Schreiben, das Autorenleben bieten.

Wenn ich schreibe, brauche ich absolute Ruhe. Ich kann nicht zwischen Tür und Angel mal eben etwas aufs Papier zaubern. Ist bei mir leider nicht möglich. (Chapeau denjenigen, die es hinkriegen). Ich darf auch kein Radio oder Musik im Hintergrund laufen lassen, da mich das ablenkt. Schreibe ich Dialoge, lese ich diese oft laut vor, um zu hören, ob sie „rund“ klingen. Auch hier darf keiner im Haus sein, der mich nervt. Ich bin schrullig.

Anna und der Goethe

Anna und der Goethe Cover.jpgWas tut man, wenn man eines Morgens einen Fremden in der Küche vorfindet, der von sich behauptet, er sei Johann Wolfgang von Goethe? Mit diesem Problem sieht sich Anna konfrontiert, als sie nach einer durchzechten Nacht den Dichterfürsten bei sich in der Wohnung vorfindet. Und der erweist sich als ausgesprochen schwierig, was Anna ziemlich nervt.
Denn das Letzte, was die von Liebeskummer geplagte Anna derzeit gebrauchen kann, ist ein in allen Lebenslagen besserwisserischer Goethe in ihrer Wohnung. Und das Chaos nimmt erst richtig seinen Lauf: Denn niemand außer Anna kann Goethe sehen.
Eine herrlich witzige Story mit einem skurrilen Goethe und einer jungen Frau, die lernen muss, zu ihren eigenen Entscheidungen zu stehen. Die lernen muss, sich selbst zu akzeptieren und neue Wege zu gehen. Und lernen muss, wie man ein Gedicht interpretiert …

Auf die Idee, ein Buch zu schreiben, in dem ich Goethe ins 21. Jahrhundert schicke, bin ich im Grunde durch mein Literaturstudium gekommen. Da der englischsprachige Raum im 18. Jahrhundert deutlich mehr Autorinnen vorzuweisen hatte (es gab deutlich mehr schreibende Frauen als „nur“ Jane Austen!), wollte ich wissen, wie die Lage im deutschsprachigen Raum aussah. Hier klaffte eine große Lücke, gerade um die Zeit, in der die „Stürmer und Dränger“ die literarische Welt des damaligen Deutschland dominierten, ja geradezu revolutionierten. Ich stieß auf Artikel, die sich näher mit den jungen Frauen dieser Zeit befassten und so folgte eines auf das andere. Goethes Schwester, die im Grunde nur wenig Beachtung von der Nachwelt erfahren hat, ihr Schicksal, das so sehr denen ihrer Zeitgenossinnen glich, floss alles mit in meine Idee, dass Goethe etwas gutzumachen habe. Denn in mancherlei Hinsicht verhielt er sich Frauen gegenüber wie ein riesengroßer Mistkerl – oder zumindest wie ein Kind seiner Zeit, wenn man es weniger drastisch ausdrücken möchte.

Warum ich ausgerechnet Goethe und nicht einen anderen großen Autoren, wie z. B. Schiller, ins Heute geschickt habe? Ich kann es beim besten Willen nicht sagen. Ich mag einige von Schillers Werken. Seine Novelle „Verbrecher aus verlorener Ehre“ finde ich grandios. Geradezu ein Psychogram eines Verbrechers. Trotzdem finde ich keinen Zugang zu Schiller – und ich kann nicht einmal sagen, warum.
Goethe hingegen hat mich viele Jahre schon interessiert und fasziniert, sein Leben und Werk. Irgendwie alles. Mag sein, dass sich Goethe einfach besser verkaufen konnte und das hält offensichtlich an – zumindest bei mir ;-). Was aber im Grunde zeigt, dass man am besten über die Dinge schreiben kann, zu denen man einen Bezug herstellen kann. Aber ich glaube, das geht den meisten Autoren so. Übrigens sind zwischen Beendigung meines Studiums und Fertigstellung des Buches durchaus Jahre vergangen. Ich habe es nicht ad hoc im oder nach dem Studium geschrieben. Also aller Anfang ist schwer und vieles muss man durchaus noch verändern. Das bemerkt man dann, wenn man den Text erstmal eine Zeitlang liegen lässt und dann nochmals liest. Da fallen einem dann die einen oder anderen Logikfehler oder auch Passagen auf, die einem einfach nicht gefallen. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Da ich mich in Goethes Biographie recht gut auskannte, ging ich dazu über, mir gezielt die Passagen aus seinem Leben herauszupicken, die in die Zeitrahmen passten, die im Buch erwähnt werden sollten, und aus verschiedenen Quellen herauszuziehen – teilweise sind diese Passagen auch direkt ins Buch eingeflossen – als Goethes eigene Worte. Ich habe bei meiner Recherche sowohl auf das Internet zurückgegriffen, aber auch – ganz klassisch – auf Literatur. Zu Erlangen musste ich nicht viel recherchieren, das ist mein Geburtsort und ich habe dort studiert. Der Schlosspark grenzt direkt ans Gebäude der Philosophischen Fakultät – ein Studententreffpunkt während der Vorlesungen sozusagen. Ist schön dort! Einen Besuch kann ich jedem empfehlen. Vielleicht nicht gerade im Winter ;-). Ergo: Den Ort der Handlung persönlich zu kennen, hilft auch unglaublich, eine Szene realistischer darzustellen.

Bei Anna und der Goethe hatte ich überhaupt kein großes Konzept. Ich habe bisher auch noch nicht geplottet, wie es so schön heißt. Das machen ziemlich viele Autoren, wie ich mittlerweile mitbekommen habe. Vielleicht werde ich das bei den zukünftigen Schreibprojekten tun.
Ich hatte aber eine Szene im Kopf und zwar, wie Goethe feststellt, dass er seine Schwester von oben herab behandelt hat und es Anna gestehen muss. Das war meine, mich motivierende Szene (nein, leider nicht die Parkszene, die kam mir erst später in den Kopf). Auf diese Szene habe ich hingearbeitet. Es sollte Goethe einfach leidtun, dass er seine Schwester hängen hat lassen. Und ich muss zugeben, dass ich bei der Darstellung von Cornelias Schicksal wirklich einen dicken Kloß im Hals hatte. Als Goethe Anna dann verlässt, war ich auch ziemlich traurig, da hätte ich Anna gerne getröstet (ich gestehe, ich hatte Tränen in den Augen).

 

Mit gebrochenen Flügeln

Novelle Cover.jpg

 

Eine Stadt. Zwei Schicksale. Drei Tage nach dem Novemberpogrom. Nürnberg, 12. November 1938. Die junge Marie irrt durch die Straßen von Nürnberg. Sie ist auf der Suche nach ihrer besten Freundin, der Jüdin Hanna, die verhaftet wurde. Wird Marie ihre Freundin wiederfinden? Eine Erzählung – frei nach einer wahren Begebenheit.

 

Auf das Schicksal meiner Figur Hanna stieß ich durch meine Arbeit als Museumsmitarbeiterin in einem Jüdischen Museum. Da ich dort u. a. auch Führungen durch das Museum gebe, bin ich mit der jüdischen Kultur, mit Feiertagen, aber auch mit dem Ende vieler jüdischen Gemeinden seit 1938 bewandert. Am meisten bewegte mich die Geschichte der Emma Ullmann, die ich in der Novelle Hanna nannte. Sie war eine alleinstehende Frau, die in einer knapp 500 Seelen-Gemeinde nahe Nürnberg in der Novemberpogromnacht das erste Opfer des Naziterrors in diesem Ort wurde. Das fand ich nicht nur erschütternd, sondern auch beschämend. Wie kann es passieren, dass man einen Menschen, den man teilweise seit Kindertagen kannte, derart behandelt? Bloßstellt? Zerstört? Das wollte und will mir nicht in den Kopf. Ich wollte damit auch eine Sache verdeutlichen: Geschichte findet nicht nur in den großen Städten statt. Sie findet an vielen kleinen Orten statt. So auch das Schicksal von Hanna.

Obwohl Mit gebrochenen Flügeln nur knapp 50 Seiten umfasst, finde ich doch, dass das Schicksal ans Herz geht. Als Hanna schrittweise alles verliert, was ihr wichtig ist, hat mich das ziemlich getroffen. Auch hier war wieder ein Kampf mit den Tränen Programm. Vor allem, als Hanna auch noch ihren geliebten Vater verliert. Das hat mich fertig gemacht. Meine Testleserin gab mir das Manuskript mit den Worten: „Du bist so fies! Wie kannst du so etwas Todtrauriges schreiben!“

Anfangs wollte ich einen Roman aus Mit gebrochenen Flügeln machen. Ich wollte das Schicksal von Hanna und ihrer Freundin Marie langsam aufbauen. Doch irgendwie wollte mir das nicht ganz klappen. Es wollte nicht „flutschen“. Stattdessen hatte ich immer wieder ein Zitat aus Shakespeares Hamlet im Kopf: What a piece of work is man? – Welch ein Meisterwerk ist der Mensch? Und ich stellte mir selbst ständig die Frage: Sind wir Menschen das? Meisterwerke? Das schrieb ich auf – es wurde der Einstieg in die Novelle und ab da „flutschte“ es, indem ich keinen Roman, sondern eine Novelle mit Rahmenhandlung und innewohnender Handlung verfasste. Schreiben kann durchaus seine Eigendynamik entwickeln.

Die Recherchen gingen eigentlich recht schnell, da ich mit der Materie ziemlich gut bewandert war/bin. Es gab von Hanna bzw. Emma Ullmann aber nur wenige Materialien, die wirklich auch Persönliches von ihr preisgaben. Lediglich einen Artikel mit Zeitzeugeninterviews konnte ich als Grundlage heranziehen. Was wirklich hilfreich ist, wenn man an historischen Hintergründen interessiert ist, ist ein Museumsbesuch oder noch besser, eine Museumsführung – viele Museen bieten offene Führungen an. Kann ich nur empfehlen!

Danke, liebe Lucy, für diese spannenden Einblicke ins Autorenleben!

 

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