Psychische Krankheit in den USA des 19. Jahrhunderts

In heutiger Zeit an einer psychischen Krankheit zu leiden, ist schrecklich genug. Vor ungefähr einhundertfünfzig Jahren musste es entsetzlich gewesen sein – es gab keine wirksame Behandlung, kein Verständnis für die Krankheit, viele falsche Annahmen.

Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich die Psychiatrie noch in den Kinderschuhen und war mit dem heutigen Beruf nicht vergleichbar. Ärzte versuchten, psychische Krankheiten zu verstehen, wussten aber einfach nicht genug darüber. Es wurde angenommen, dass sie erblich seien, auch durch emotionale Ausnahmesituationen oder die Umgebung verursacht wurden, aber ebenso durch Unmoral oder Übermut – im Grunde alles, was nicht innerhalb der strengen moralischen Normen der Zeit lag. Einige Ärzte erkannten auch die Verbindung zwischen Gehirn und psychischer Krankheit und nannten sie eine „Gehirnkrankheit“, obwohl sie nicht wussten, was sie verursachte.

Frauen wurden im Allgemeinen als anfälliger für psychische Krankheiten angesehen, die weiblichen Fortpflanzungsorgane verursachten angeblich Instabilität und das weibliche Nervensystem galt als weniger stabil als das männliche. Einige Funktionen des weiblichen Körpers wurden als Krankheiten angesehen, die die geistige Gesundheit beeinträchtigten. Der Lebensstil einer Frau wurde auch als kritisch für ihre psychische Gesundheit betrachtet – diejenigen, die ihren Kopf zu sehr durchsetzten oder nicht den Lebensweg einer Ehefrau und Mutter einschlugen, waren nach Ansicht der Ärzte noch mehr vom Wahnsinn bedroht.

Moralische Behandlung

Die Behandlung schien logisch: eine neue Umgebung, das Erlernen moralisch adäquaten Verhaltens, die Behandlung spezieller Symptome und die allgemeine Stärkung der körperlichen Gesundheit. Die „moralische Behandlung“ wurde geboren. Eigentlich geschah dies schon Ende des 18. Jahrhunderts, aber sie verbreitete sich in den Vereinigten Staaten erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die moralische Behandlung war eine deutliche Verbesserung der Art und Weise, auf die „Wahnsinnige“ (wie Menschen mit psychischen Erkrankungen genannt wurden) zuvor behandelt worden waren. Seit dem Mittelalter gibt es Krankenhäuser für psychisch Kranke, Nervenheilanstalten, aber ihr Zweck war, die „Wahnsinnigen“ von der Gesellschaft fernzuhalten, nicht sie zu heilen. Die Behandlung war brutal, Fesseln und andere Zwänge die Regel. Ich werde nicht auf die frühen Anstalten eingehen, da es den Rahmen dieses Beitrags sprengt, aber es gibt ein detailliertes Buch über das Thema, Bedlam (nur auf Englisch erhältlich).

Die moralische Behandlung wollte von Gewalt und Fesselungen wegkommen. Das Bild zeigt den französischen Psychiater Philippe Pinel, der Asylbewohner von ihren Fesseln befreite. Patienten sollten sanft behandelt werden, Spaziergänge in sauberer Luft, leichte Unterhaltung genießen. Das Leben in einer geordneten Umgebung mit regelmäßigen Mahlzeiten, sozialer Interaktion und Regelmäßigkeit sollte sie (zurück) zu einem moralischen Lebensstil führen. Fesseln wurden jedoch immer noch in vielen amerikanischen Anstalten benutzt. Es gab zahlreiche Diskussionen in wissenschaftlichen Zeitschriften über die Notwendigkeit von Einschränkungen und die Wirksamkeit moralischer Behandlung.

Die vorhandenen Anstalten waren für die moralische Behandlung nicht geeignet, da Licht, Luft und Komfort so ziemlich die letzten Dinge waren, über die sie verfügten. Nach dem Kirkbride Plan (benannt nach Thomas Story Kirkbride, einem der Pioniere der Psychiatrie) wurde eine neue Generation von Anstalten gebaut. Es handelte sich um einen standardisierten Plan für die Anstalten, mit einem ausgedehnten Hauptgebäude, das aus mehreren langen, gestaffelten Flügeln bestand und so ein Maximum an Licht und Luft für das ganze Gebäude erlaubte. Es war von einem großen Gelände umgeben, in der Regel mit etwas Landwirtschaft, um Platz für Spaziergänge und eine Möglichkeit der leichten Arbeit draußen zu bieten. Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden viele Kirbybride Plan Anstalten gebaut. Die Website Kirkbride Buildings hat Fotos und Informationen über sie.

Verschiedene Stationen sorgten nicht nur für Unterkunft, sondern stellten ein Belohnungssystem für gutes Benehmen dar – es gab Stationen mit restriktiveren Regeln, liberalerem Gebrauch von Fesselungen und weniger Komfort für diejenigen, deren Verhalten gewalttätig oder unzugänglich war. Bessere Stationen – für diejenigen, die sich entsprechend benahmen – sahen ansprechend aus und erinnerten an ein viktorianisches Haus der oberen Mittelklasse. Der soziale Hintergrund spielte ebenfalls eine Rolle; wohlhabende Patienten konnten komfortable Unterkunft und eigene Zimmer genießen, verschiedene Arbeiten ausführen. Es gab kaum Vermischung verschiedener sozialer Schichten, da dies für diejenigen von höherem sozialen Ansehen als unangenehm angesehen wurde.

Medizinische Behandlung

Die medizinische Behandlung klingt für unsere modernen Ohren ungewöhnlich und manchmal grausam. Ein funktionierendes Verdauungssystem wurde in Fällen von Depression (Melancholie) als hilfreich angesehen, so dass die Behandlung oft Abführ- und Brechmittel umfasste. In Fällen von „Manie“ wurden Substanzen wie Morphium, Opium und Chloralhydrat großzügig dosiert.

Hydrotherapie wurde eine populäre Behandlung für psychische Krankheiten, viele Badeorte und -hotels waren darauf spezialisiert, aber Anstalten verwendeten sie ebenfalls. Wechselduschen, feuchte Packungen, Voll- und Teilbäder – der Kontakt mit Wasser ruft immer eine körperliche Reaktion hervor. Warme Bäder wurden verwendet, um bei Schlaflosigkeit zu helfen. Kalte Bäder und Kaltwasserbehandlungen wurden als wirksam angesehen, um die Agitation, die „Hysterie“, zu unterdrücken. Kalte Umschläge oder Packungen waren eine beliebte Methode in Anstalten, wenn Patienten „überreagierten“. Die Patienten wurden ausgezogen, fest in eisige, nasse Laken gewickelt und dort gelassen, bis sie sich beruhigten, normalerweise stundenlang. Beruhigung war unvermeidlich – der eiskalte Körper verbrauchte all seine Energie, um wieder warm zu werden, und kalte Packungen ließen die Menschen völlig erschöpft zurück.

Da der weibliche Körper als Faktor für psychische Erkrankungen angesehen wurde, wurden Operationen an weiblichen Fortpflanzungsorganen – wie Hysterektomien, Entfernung der Eierstöcke oder Neupositionierung des Uterus – ebenfalls als Behandlungen verwendet.

Die Elektrotherapie gewann im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an Bedeutung und wurde auch zur Behandlung von psychischen Erkrankungen, insbesondere Melancholie, eingesetzt. Strom wurde an Händen, Füßen oder am Kopf angelegt, Frauen mussten auch eine Elektrotherapie des Uterus ertragen.

Zwangseinweisung

Der berühmteste Fall einer Zwangseinweisung im Amerika des 19. Jahrhunderts ist wahrscheinlich Elizabeth Packard, die als Kämpferin für Frauenrechte berühmt wurde. In den 1860er Jahren hatte ihr Ehemann sie in die Jacksonville Irrenanstalt einweisen lassen, wo sie drei Jahre bleiben musste. Sie behauptete, sie sei gesund und ihr Mann habe sie einweisen lassen, weil er sie loswerden wolle. Ihr Fall wurde öffentlich und sie wurde schließlich freigelassen. Das Argument für ihre Freilassung war nicht die Tatsache, dass sie überhaupt nie verrückt gewesen war, sondern dass ihre angebliche Krankheit unheilbar war. Ihr Ehemann hielt sie zu Hause gefangen und versuchte, sie erneut einweisen zu lassen. Mrs. Packard ging vor Gericht, wo ihr Ehemann ihr Argumentationsverhalten und Meinungen über Religion (die sich von seinen unterschieden) als Gründe für ihren Wahnsinn anführte. Elizabeth Packard gewann den Fall und wurde für geistig gesund erklärt. Sie verbrachte den Rest ihres Lebens damit, gegen Gesetze zu kämpfen, die es Männern erlaubten, ihre Ehefrauen ohne öffentliche Anhörung einweisen zu lassen.

Es klingt seltsam, dass jemand überhaupt in eine Anstalt eingewiesen wurde, weil er argumentativ ist und ungewöhnliche religiöse Meinungen hat. Dennoch waren die Gründe, Frauen in Anstalten zu sperren, vielfältig – Erschöpfung, postpartale Depression („Geisteskrankheit durch Geburt“), Ungehorsam, mentale oder religiöse Erregung und vieles mehr.

Beim Lesen von Primärquellen über Frauen des 19. Jahrhunderts in Anstalten ist es auffällig, wie viele von ihren Ehemännern zwangseingewiesen wurden. Eine öffentliche Anhörung war nicht erforderlich, wenn ein Ehemann seine Ehefrau einweisen lassen wollte, eine ärztliche Stellungnahme (in einigen Staaten: die eidesstattlichen Versicherungen von zwei Ärzten) reichte aus. In allen anderen Fällen von Zwangseinweisung war eine öffentliche Anhörung erforderlich.

Anstaltsleben

Im Einklang mit der moralischen Behandlung wurden die Tage in der Anstalt strukturiert. Die Patienten mussten früh aufstehen und gemeinsam essen. Von ihnen wurde erwartet, dass sie sich und ihre Unterkunft in Ordnung hielten. Der Religionsunterricht spielte ebenso wie die regelmäßige Beschäftigung eine große Rolle. Die Patienten arbeiteten in der anstaltseigenen Landwirtschaft oder im Garten, oder übernahmen die Hausarbeit. Mehrere Anstalten waren autark. Die Wohlhabenderen verbrachten ihre Zeit mit Malen, Handarbeiten oder Blumenarrangements. Patienten, deren Nerven sich ausruhen mussten, waren oft vollständig von ihrer Umgebung abgeschnitten und lagen in einem abgedunkelten Raum ohne Stimulanzien. Privilegierte Patienten durften unbeaufsichtigt spazierengehen oder das Gelände für eine Weile verlassen.

Es gab auch einige Veranstaltungen wie Tanzabende oder Maskenbälle, um Patienten und Personal zu unterhalten, Sport war ebenfalls in einigen Anstalten beliebt.

Viele Patienten erzählten von häufigen Strafen, die von den Wärtern angewandt wurden, meistens Prügel. Wie bereits erwähnt, wurden Fesselungen angewendet, wenn Patienten als aggressiv oder gefährlich für sich selbst angesehen wurden. Eingesetzt wurden dann Zwangsjacken, Handschellen, gepolsterte Zellen oder erzwungene Langzeitbäder oder Kaltpackungen. Zwangsernährung – oft brutal durchgeführt – wurde häufig eingesetzt.

Der Kontakt mit der Familie und Außenwelt war äußerst begrenzt, da die Entfernung aus der alten Umgebung ein wesentlicher Bestandteil der moralischen Behandlung war. In einigen Fällen wurden für eine Weile keine Besuche oder Briefe erlaubt. Wenn Besuche erlaubt waren, waren die Besuchszeiten geregelt und kurz. Besuche fanden in einem speziellen Empfangsraum statt, manchmal wurde Besuchern die Erlaubnis erteilt, mit Patienten auf dem Gelände einen Spaziergang zu machen.

Das Moralsystem erforderte eine intensive Pflege und Interaktion, die schwieriger zu meistern war, als sich die Anstalten füllten. Die optimistische Ansicht, dass die meisten psychischen Krankheiten heilbar seien, war nicht realistisch, und viele Patienten verbrachten Jahrzehnte, oft den Rest ihres Lebens, in Anstalten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die meisten Anstalten zu voll, um noch Pflege zu bieten. Das ausgezeichnete Buch „The Lives They Left Behind: Suitcases from a State Hospital Attic“ rekonstruiert das Leben von 10 Patienten des ehemaligen Psychiatrischen Zentrums von Willard, indem es den Inhalt der Koffer untersucht, die diese Patienten auf dem Dachboden des Krankenhauses hinterlassen haben. Die meisten von ihnen waren Patienten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und es schockierte mich zu lesen, dass sie jahrzehntelang im Krankenhaus waren, ohne irgendeine nennenswerte Behandlung.

Wenn es um Nervenheilanstalten geht, gibt es im Internet viele Fundstellen. Hier sind die Links zu einigen von ihnen:

Ich fand auch die folgenden Bücher hilfreich für meine Recherche:

    • Women of the Asylum: Berichte aus erster Hand von Frauen, die sich in Anstalten befanden. Das Buch umfasst vier Zeiträume (1840-1865, 1866-1890, 1891-1920, 1921-1945) und gibt einen Überblick über die Situation von Frauen und den Zustand der Psychiatrie in jedem Zeitraum.
    • A History of Psychiatry: From the Era of the Asylum to the Age of Prozac: Das 19. Jahrhundert wird im ersten Viertel des Buches behandelt, der Rest diskutiert spätere Entwicklungen.
    • Mad Among Us: Eine ausführliche Beschreibung der Betreuung von psychisch Kranken in Amerika von der Kolonialzeit bis heute. Etwa ein Drittel des Buches ist dem 19. Jahrhundert gewidmet.

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