Buchempfehlung: Wandlungen einer Ehe

Ich bin immer ganz glücklich, wenn ich Autoren finde, die geschichtliche Epochen so lebhaft darstellen können, daß man beim Lesen alles richtig vor sich sieht. Manche stopfen ihre Bücher mit historischen Details voll und es stellt sich kein einziges Bild beim Lesen ein. Manche weben hier und da ein wenig ein, könnten durch prägnante Formulierungen Bilder malen. Sándor Márai ist solch ein Autor, der für mich Welten auferstehen läßt. In seinem wundervollen „Die Glut“ war es die k.u.k.-Zeit in Ungarn und Österreich. In „Wandlungen einer Ehe“ konzentriert er sich auf die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und bietet uns im letzten Teil des Buches (1948 verfaßt) einen beklemmend nahen Einblick in Budapest während der letzten Tages des Krieges und nach Kriegsende.

Wie der Titel schon sagt, geht es im Buch im die Wandlungen einer Ehe, aber letztlich geht es um so viel mehr, wie der Klappentext schon verrät: „Zugleich ist es ein Abgesang auf die großbürgerliche mitteleuropäische Welt“. Hier übrigens auch mal ein Lob an Piper, denn nach langer Zeit kann ich mich hier über einen Klappentext freuen, der nicht irreführend ist und dem Buch gerecht wird.  Wie schon in „Die Glut“ erweckt Sándor Márai auch hier wieder eine versunkene Welt zum Leben – das Großbürgertum, die Villen und Kaffeehäuser von Budapest, die Frage, was eigentlich Bürgerlichkeit, Stil, Kultur ausmacht.

In drei langen Monologen – eine Spezialität von Márais Stil – kommen hier die Hauptbeteiligten der Ehe zu Wort. Zuerst erfahren wir die Perspektive der Ehefrau, bzw. der Exfrau, die mit einer Freundin im Kaffeehaus sitzt, ihren Exmann dort sieht und daraufhin der Freundin die Geschichte ihrer Ehe erzählt. Wir erfahren alles aus ihrer Sicht, einige Dinge bleiben noch ein wenig unklar. Der zweite Teil des Buches gehört dem Ehemann, der Jahre später einen Abend mit einem guten Freund verbringt und die gleiche Geschichte erzählt und sie weiterführt. Hier eröffnen sich uns dann die Hintergründe seiner Persönlichkeit, erhellen sich einige der vorher unklaren Stellen. Zudem geht der Ehemann zurück in seine Vorgeschichte. Der von der Exfrau berichtete Zeitrahmen wird hier nur gestreift, um zu vervollständigen, zu erklären. So gelingt es Márai meisterhaft, die Geschichte so facettenreich darzustellen, daß ich ganz gebannt weiterlas.

Ganz wundervoll fand ich gerade des Ehemannes Darstellungen des großbürgerlichen Lebens und des Verständnisses, Bewahrer einer aussterbenden Lebensart zu sein. Die Werte, Ansichten und Lebensweisen dieses Lebens sind mit farbiger Detailfreude dargestellt, könnten fast schon als Recherchematerial dienen. Es geht über die reine Darstellung hinaus, man spürt die Atmosphäre dieses Lebens regelrecht, findet sich hinein, spürt, was da verlorenging.

Diese beiden Teile erschienen 1941 als Buch und man kann den Erzählungen entnehmen, daß sie – abgesehen von den Rückerinnerungen des Ehemanns, die uns in die k.u.k-Zeit führen – den Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen behandeln. Auch diese seltsame Atmosphäre einer fragilen Friedenszeit ohne richtigen Frieden, die dunklen Vorahnungen sind mit prägnanten Formulierungen ganz wundervoll eingefangen.

Der letzte Teil des Buches wurde sieben Jahre nach Veröffentlichung der ersten beiden Teile geschrieben, 1948, und berichtet eindringlich davon, was zur Zeit der ersten beiden Teile noch gar nicht zu ahnen war – die Belagerung und Zerstörung von Budapest, die gewaltsame Vernichtung der Bürgerlichkeit. Hier spricht die dritte Person in diesem Beziehungsgeflecht, nimmt den Faden des Ehemannes auf und führt ihn weiter bis in die Gegenwart des Buches. Sie ist – wie Márai damals selbst – im italienischen Exil. Auch hier entfaltet sich die großbürgerliche Welt noch einmal vor uns, diesmal durch die Augen eines Dienstmädchens, wodurch Charaktere und Lebensart eine weitere literarische Facette erfahren.

Und so lesen wir hier nicht nur aus drei Perspektiven hervorragend geschilderte Wandlungen einer Ehe und deren Folgen, sondern erfahren auch ein literarisches Denkmal an die Bürgerlichkeit, die zu Beginn des Buches leicht bröckelt und dann am Ende in einem riesigen Trümmerhaufen versinkt.

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