Buchempfehlung: Das Mädchen, das sie irre nannten

„Das Mädchen, das sie irre nannten“ ist ein Roman, der mich tief berührt hat. Schon das Titelbild sprach mich sofort an, es ist schlicht und einprägsam gestaltet, fasst zudem das Buch richtig gut zusammen. Alleine dafür schon einmal ein Kompliment an die Autorin.

Antje Melanie Rieche führt uns hier ins Polen der 1950er/60er Jahre. Basierend auf einer wahren Geschichte berichtet sie von Hanna und deren Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Der erste Teil des Buches schildert Hannas Kindheit in einem Haushalt, bei dem es mir öfter kalt über den Rücken lief. Schauplatz ist ein schlesisches Dorf und eine Familie, in dem der Vater grausame Kontrolle über seine Kinder und seine Frau ausübt. Der äußere Schein ist für ihn wichtig – wie wir später erfahren: lebenswichtig – und muß um jeden Preis aufrechterhalten werden, ganz gleich, wer darunter leiden muß. In kurzen Kapiteln erfahren wir anekdotisch Erlebnisse, die aus Hannas Sicht geschildert werden. Vieles ist für sie nicht begreiflich, für uns zu Beginn auch nicht, wir sehen die Welt durch ihre oft so verängstigten Augen und die Unterdrückung, die Unehrlichkeit und eben die Angst, die sie erlebt, sind förmlich greifbar. Die alltäglichste Situation kann blitzschnell zur Bedrohung werden, überhaupt ist diese Bedrohung ständig fühlbar. Die Autorin schildert Hannas Geschichte in einem gut lesbaren, angenehmen Stil. Viele Formulierungen sind bildhaft und ansprechend, manchmal geradezu poetisch. Ab und an rutscht eine Formulierung oder eine Wortwahl dazwischen, die mich stutzen ließ, aber generell fand ich den Schreibstil erfreulich.

Hannas ganz private Welt ist von der politischen Situation beeinflußt und auch hier bekommen wir viele interessante Informationen über das Polen jener Zeit. Sehr gelungen ist die Informationsvermittlung. Es kommt nicht zum Infodumping, die Hintergründe und Fakten werden elegant in die Geschichte eingeflochten, wirken nie aufgesetzt. Ich habe bisher über jene Zeit in Polen nicht viel gewußt und durch das Buch einiges gelernt. Es geht nicht um die große Politik, sondern darum, wie diese sich auf die normalen Menschen auswirkt, wie sie sich im Alltag zeigt. Genau so mag ich das in einem Roman. Es sind teilweise ganz kleine Fakten, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Ein wenig störend fand ich es, daß doch recht relevante Punkte unaufgeklärt bleiben und es einige Dinge gab, die nicht realistisch sind (eine 5jährige, die auf ausgesprochen hohem Niveau liest und Klassiker des 19. Jahrhunderts versteht, z.B., dann zwei ziemlich unwahrscheinliche Zufälle).

Hannas allmähliches Aufwachen und die Entdeckung, daß es außerhalb der ihr so eng gesetzten Grenzen noch eine ganz andere Welt gibt, erlesen wir uns im zweiten Teil. Das leicht Anekdotenhafte des ersten Teils weicht hier dem fortlaufenden Geschehen. Beide Erzählweisen fand ich erfreulich und dem jeweiligen Abschnitt angemessen. Es gab hier Szenen, die mich entsetzt haben, die Autorin vermittelt Gefühle, zieht den Leser ins Geschehen mit hinein. Ich fühlte mit Hanna, sie ist so echt, so gut geschildert. Oft merkte ich, wie ich beim Lesen feste die Daumen für sie drückte. Hier kommt die Weltgeschichte immer mehr zum Tragen. Wie auch im dritten Teil gelingt es Antje Melanie Rieche ganz hervorragend, beide Seiten zu schildern – die polnische und die deutsche. Ganz stark wird dem Leser bewußt, daß man eine Menschengruppe nicht über einen Kamm scheren kann, daß einzelne Menschenschicksale hinter den historischen Vorgängen stecken. Dieser differenzierte Blick ist großartig vermittelt.

So ist „Das Mädchen, das sie irre nannten“, ein Lesevergnügen auf vielen Ebenen. Die persönliche Entwicklung Hannas, die Atmosphäre und Menschen um sie, der geschichtliche Hintergrund, das Plädoyer für Toleranz und die vielschichtige Familiengeschichte sind allesamt gelungen, wurden gut ineinander verwebt. Eine Autorin, von der wir hoffentlich noch weitere Bücher lesen können.

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