Zu Goethes Geburtstag ins Goethehaus Frankfurt

Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt.

Das Goethehaus, an dem der gute Goethe heute vor genau 270 Jahren zur Welt kam, ist mein Lieblingsort in Frankfurt und natürlich schleppe ich jeden sich nicht wehrenden Besucher dorthin. So idyllisch die Adresse Großer Hirschgraben auch klingt, heute macht die Gegend nicht viel her, das originalgetreu wieder aufgebaute Goethehaus liegt in einer Straße voller Nachkriegsscheußlichkeiten. Im Haus aber kann man die moderne Außenwelt aber wirklich für einige Zeit vergessen.

Die Herkunft des Straßennamens erklärt uns Goethe in Dichtung und Wahrheit selbst:

Wir hatten die Straße, in welcher unser Haus lag, den Hirschgraben nennen hören; da wir aber weder Graben noch Hirsche sahen, so wollten wir diesen Ausdruck erklärt wissen. Man erzählte sodann, unser Haus stehe auf einem Raum, der sonst außerhalb der Stadt gelegen, und da, wo jetzt die Straße sich befinde, sei ehmals ein Graben gewesen, in welchem eine Anzahl Hirsche unterhalten worden. Man habe diese Tiere hier bewahrt und genährt, weil nach einem alten Herkommen der Senat alle Jahre einen Hirsch öffentlich verspeiset, den man denn für einen solchen Festtag hier im Graben immer zur Hand gehabt, wenn auch auswärts Fürsten und Ritter der Stadt ihre Jagdbefugnis verkümmerten und störten, oder wohl gar Feinde die Stadt eingeschlossen oder belagert hielten. Dies gefiel uns sehr, und wir wünschten, eine solche zahme Wildbahn wäre auch noch bei unsern Zeiten zu sehen gewesen.

Ja, Hirsche in Frankfurt, das kann man sich mittlerweile gar nicht mehr vorstellen. Auch die rückwärtige Nachbarschaft stellt sich heute anders dar als zu Goethes Zeiten, der damals einen gerade idyllischen Ausblick hatte:

Die Hinterseite des Hauses hatte, besonders aus dem oberen Stock, eine sehr angenehme Aussicht über eine beinah unabsehbare Fläche von Nachbarsgärten, die sich bis an die Stadtmauern verbreiteten. Leider aber war, bei Verwandlung der sonst hier befindlichen Gemeindeplätze in Hausgärten, unser Haus und noch einige andere, die gegen die Straßenecke zu lagen, sehr verkürzt worden, indem die Häuser vom Roßmarkt her weitläufige Hintergebäude und große Gärten sich zueigneten, wir aber uns durch eine ziemlich hohe Mauer unsres Hofes von diesen so nah gelegenen Paradiesen ausgeschlossen sahen.

Große Gärten gibt es in dieser Gegend von Frankfurt schon lange nicht mehr und ich schaue bei Besuchen im Goethehaus kaum aus den Fenstern, weil der Blick die herrlich wiederhergestellte Welt im Inneren des Hauses so unsanft ins Heute zieht.

Wie man meinen Worten „wiederaufgebaut“ und „wiederhergestellt“ schon entnehmen kann, ist das Goethehaus kein Originalgebäude. Nur die ersten vier Treppenstufen sind aus Goethes Zeiten erhalten, was man beim Blick von oben auch gut sieht.

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Hier sind also die Füße des Geheimrates – bevor auch nur ansatzweise anzudenken war, daß er einmal Geheimrat werden würde – unzählige Male hinauf- und hinuntergelaufen. Ansonsten fiel das Haus im März 1944 einem Luftangriff zum Opfer. Fotos im Goethehaus zeigen, wie verheerend die Zerstörung war.

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Zu Goethes 200. Geburtstag 1949 war schon ein großer Teil des Wiederaufbaus geleistet, der bereits 1947 begonnen worden war. Nach dem Krieg gab es auch um das Goethehaus die damals üblichen Auseinandersetzungen bezüglich der Art des Wiederaufbaus. Es gab zahlreiche Gegner der originalgetreuen Rekonstruktion zerstörter Altstädte und historischer Bauten, eine klare Abgrenzung vom „Überkommenen“, von der alten Zeit sollte stattfinden. Für viele würden Rekonstruktionen eine Hinwendung zu Zeiten dokumentieren, die man hinter sich lassen wollte. Rekonstruktion war für diese demokratiefeindlich, ganz gleich, was rekonstruiert werden sollte. Dieser Haltung fiel auch die Frankfurter Altstadt zum Opfer, blieb lange eine unbebaute Fläche, ein Parkplatz, wurde dann mit dem Technischen Rathaus zugebaut, ganz im scheußlich-seelenlosen Baustil der 60er und 70er, der so viele Innenstädte unattraktiv machte. Bei der Neuerbauung der Altstadt, die im letzten Jahr fertig wurde, kamen die ganzen Diskussionen erneut auf.

Der Wiederaufbau des Goethehauses aber wurde zum Glück von engagierten Menschen durchgesetzt und erfolgte originalgetreu. Ein interessanter Artikel über Hintergründe und Debatte des Wiederaufbaus findet sich hier. Glücklicherweise waren Bauart und Erscheinung des Hauses detailliert dokumentiert, Möbel und Gegenstände im Krieg ausgelagert worden. 1951 wurde das wiederhergestellte Goethehaus dann eröffnet – eine bemerkenswerte Leistung, die unter erheblichen finanziellen Schwierigkeiten und dank der Unterstützung namhafter Persönlichkeiten fertiggebracht wurde.

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So können wir heute also bei einem Besuch eintauchen in die Welt Goethes, können uns an Originalmöbeln und Gegenständen erfreuen und uns vorstellen, wie der kleine Goethe hier mit dem Puppentheater spielte, das ihm die Idee zu Faust gab, wie der aus Leipzig zurückgekehrte kranke ehemalige Student Goethe sich im Elternhaus erholte, wie er als junger Mann seine frühen Werke hier zu Papier brachte. Das Haus ist stets gut besucht (weshalb ich besonders stolz auf die Fotos bin, die ich in endloser Geduld frei von anderen Besuchern machen konnte), Besucher aus der ganzen Welt informieren sich hier über Kindheit und Jugend Goethes.

Als Goethe geboren wurde, sah das Haus allerdings noch sehr anders aus:

(…) daß wir in einem alten Hause wohnten, welches eigentlich aus zwei durchgebrochenen Häusern bestand. Eine turmartige Treppe führte zu unzusammenhangenden Zimmern, und die Ungleichheit der Stockwerke war durch Stufen ausgeglichen.

 Hier also hatte Baby Goethe heute vor 270 Jahren seinen dramatischen ersten Auftritt, wie es sich für eine solche Persönlichkeit ja auch gehört:

 (…) durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt und der Hebammen-Unterricht eingeführt oder erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgebornen mag zu gute gekommen sein.

Nach einigen Jahren wurde das Haus, in dem der kleine Johann Wolfgang sich schon manchen Streich erlaubt hatte, wie man in Dichtung und Wahrheit sehr unterhaltsam nachlesen kann, zu dem uns heute bekannten Aussehen umgebaut:

Solange die Großmutter lebte, hatte mein Vater sich gehütet, nur das Mindeste im Hause zu verändern oder zu erneuern; aber man wußte wohl, daß er sich zu einem Hauptbau vorbereitete, der nunmehr auch sogleich vorgenommen wurde.

Ich finde es herzerfrischend, daß auch Papa Goethe als erwachsener Mann nicht wagte, zu Lebzeiten seiner Mutter etwas am Haus zu ändern. Die Wirkung der Mütter…

Dann aber ging’s los, es wurde gebaut, was das Zeug hielt und es hat sich gelohnt, wie Goethe uns berichtet:

Das Haus war für eine Privatwohnung geräumig genug, durchaus hell und heiter, die Treppe frei, die Vorsäle luftig, und jene Aussicht über die Gärten aus mehreren Fenstern bequem zu genießen. Der innere Ausbau, und was zur Vollendung und Zierde gehört, ward nach und nach vollbracht und diente zugleich zur Beschäftigung und zur Unterhaltung.

Anscheinend gab es im mittleren 18. Jahrhundert die gleichen Probleme, die ich auch heute oft von Hausbauern höre…

Man schritt auf diese Weise mit Vollendung der übrigen Zimmer, nach ihren verschiedenen Bestimmungen, weiter. Reinlichkeit und Ordnung herrschten im ganzen; vorzüglich trugen große Spiegelscheiben das Ihrige zu einer vollkommenen Helligkeit bei, die in dem alten Hause aus mehrern Ursachen, zunächst aber auch wegen meist runder Fensterscheiben gefehlt hatte. Der Vater zeigte sich heiter, weil ihm alles gut gelungen war; und wäre der gute Humor nicht manchmal dadurch unterbrochen worden, daß nicht immer der Fleiß und die Genauigkeit der Handwerker seinen Forderungen entsprachen, so hätte man kein glücklicheres Leben denken können, zumal da manches Gute teils in der Familie selbst entsprang, teils ihr von außen zufloß.

IMG_20180909_1331394.jpgDaß „alles gut gelungen war“ kann ich aber nur bestätigen, das Goethehaus ist ansehnlich und ich freue mich bei jedem Besuch an den wundervollen Zimmern, die auch durchaus eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlen. Einer meiner Lieblingsräume ist die Küche, die einen so anschaulichen Eindruck der damaligen Haushaltsgegebenheiten bietet (weshalb ich das Goethehaus auch den Nicht-Goethefans – ja, die gibt’s seltsamerweise – durchaus empfehle, da es anschaulich zeigt, wie eine wohlhabende Frankfurter Familie im 18. Jahrhundert lebte). Der riesige Herd, die eigene Wasserpumpe mit Waschbecken und die große Laterne, die man damals noch mit sich führen mußte, wenn man abends unterwegs war, da es keine Straßenbeleuchtung gab – zahlreiche schöne Details gibt es hier zu sehen. Bei einem Besuch in der Goetheküche lohnt sich ein Blick auf die Kerzen in der Laterne. Es sind zwei, woran man sieht, daß wir es hier mit einer großbürgerlichen Familie zu tun haben. Der Adel bekam eine Kerze mehr, das einfache Volk eine weniger.

Auf insgesamt vier Etagen (eine genaue Beschreibung der Räume findet sich auf der Website des Goethehauses) gibt es zahlreiche Zimmer zu bestaunen. Zuerst natürlich die repräsentativen Räume, wie das Peking-Zimmer, das nur den wirklich bedeutenden Festivitäten vorbehalten war.

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Eine Etage höher wird es privater, hier freue ich mich immer auf die Bibliothek, wo ich die riesigen Folianten hinter Glas gerne bestaune und mir vorstelle, wie der kleine Johann Wolfgang hier Unterricht vom Vater erhielt.

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Das erste, was man in Ordnung brachte, war die Büchersammlung des Vaters, von welcher die besten, in Franz- oder Halbfranzband gebundenen Bücher die Wände seines Arbeits- und Studierzimmers schmücken sollten. Er besaß die schönen holländischen Ausgaben der lateinischen Schriftsteller, welche er der äußern Übereinstimmung wegen sämtlich in Quart anzuschaffen suchte; sodann vieles, was sich auf die römischen Antiquitäten und die elegantere Jurisprudenz bezieht. Die vorzüglichsten italiänischen Dichter fehlten nicht, und für den Tasso bezeigte er eine große Vorliebe. Die besten neusten Reisebeschreibungen waren auch vorhanden, und er selbst machte sich ein Vergnügen daraus, den Keyßler und Nemeiz zu berichtigen und zu ergänzen. Nicht weniger hatte er sich mit den nötigsten Hilfsmitteln umgeben, mit Wörterbüchern aus verschiedenen Sprachen, mit Reallexiken, daß man sich also nach Belieben Rats erholen konnte, so wie mit manchem andern, was zum Nutzen und Vergnügen gereicht.

Die andere Hälfte dieser Büchersammlung, in saubern Pergamentbänden mit sehr schön geschriebenen Titeln, ward in einem besondern Mansardzimmer aufgestellt. Das Nachschaffen der neuen Bücher, so wie das Binden und Einreihen derselben, betrieb er mit großer Gelassenheit und Ordnung. Dabei hatten die gelehrten Anzeigen, welche diesem oder jenem Werk besondere Vorzüge beilegten, auf ihn großen Einfluß. Seine Sammlung juristischer Dissertationen vermehrte sich jährlich um einige Bände.

Von dort blickt man in die Gemäldegalerie. Auch hier, wie in der Bibliothek, paßt Goethes Beschreibung hervorragend zu dem, was die Besucher heute zu sehen bekommen.

Zunächst aber wurden die Gemälde, die sonst in dem alten Hause zerstreut herumgehangen, nunmehr zusammen an den Wänden eines freundlichen Zimmers neben der Studierstube, alle in schwarzen, mit goldenen Stäbchen verzierten Rahmen, symmetrisch angebracht.

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Das Zimmer von Goethes Schwester Cornelia ist dagegen malerisch-gemütlich und ganz oben im Haus befindet sich das Mansardenzimmer, das Goethes Reich war. An diesem so schmucklos wirkenden Stehpult wurden einige der bekanntesten Frühwerke Goethes geschrieben!

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Es gibt noch viel mehr im Goethehaus zu sehen und zu erfahren. Zahlreiche liebevoll ausgestellte persönliche Gegenstände bringen uns die Familie Goethe auch menschlich nahe. Ein Besuch lohnt sich (und das durchaus öfter!)

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