Schreiberfahrungen – Gastartikel der Autoren Guido Brose und Dirk Schmidt

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich bei Instagram auf das Profil mit dem klingenden Namen johannfaust.de aufmerksam wurde. Mit dem sinistren Faust selbst kommunizieren, das hat schon was. Nun sind die beiden Herren hinter dem Profil aber überhaupt nicht sinister, sondern richtig nette Autorenkollegen, die ein ungemein interessantes Projekt durchführen: sie schreiben einen neuen Faust – mit dem Titel: infaust. Mein erster Gedanke: „Wow, mutig!“ Die Geschichte des Johann Georg Faust ist schon mehrere Male erzählt worden, am bekanntesten ist natürlich die Version des einzig wahren Goethe. Da stellt sich die Frage, ob man diesen Stoff überhaupt neu erzählen kann und ob man nicht fürchtet, an den Vorgängerversionen gemessen zu werden.

Auf dem Instagram-Profil werden regelmäßig Textausschnitte aus diesem neuen Faust geboten und dies in einer Sprache, die ich ganz herrlich finde. Ich lese die Sätze immer mehrfach, kehre auch mal zu ihnen zurück und werde das fertige Werk ganz sicher erwerben – und das als absoluter Goethe-Groupie, das heißt schon was! Bilder und weitere informative Postings zeigen, wie sehr sich die beiden Autoren mit ihrer Materie beschäftigen und der nachfolgende Artikel zeigt auch, wie lange sie es schon tun. Es ist Guido und Dirk auf diese Weise sogar gelungen, einen Verleger auf sich aufmerksam zu machen – ein Traum für Autoren und nach allem, was ich bisher von ihrem Werk kenne, absolut verdient. Nun aber möchte ich Dirk in seinen eigenen Worten von Werk und Wirkung berichten lassen!

Die eingefügten Zitate sind direkt aus ihrem Werk.

Foto - Guido und Dirk

Wir wurden von Heike eingeladen, unser Projekt vorzustellen, und wir bedanken uns sehr herzlich für diese Möglichkeit. Dieses Wir bedeutet in dem Falle zwei beste Freunde, die sich seit gut drei Jahrzehnten der Figur Faust verbunden fühlen: Dirk und Guido.
Es war um 1987, da beschlossen wir, vage, eine Faustgeschichte zu verfassen. Mittlerweile ist daraus ein Theaterstück entstanden, welches sich in der heutigen Zeit von anderem, Neugeschriebenem gewaltig hervorhebt, in dem es durch seine dichterische Ausdrucksstärke und die Vielfalt der Bilder aufgrund der Verse und Reime jedem ins Gedächtnis brennt, das es aber auch jederzeit vermag, sanft die Sinne zu liebkosen.

Das Leben ist ein wunderbarer Fluss: beschwingt und bitter wie ein letzter Kuss.

Jeder Autor hat seine eigenen, ganz persönlichen Ziele und Vorstellungen, was er mit seinem Werk zu erreichen gedenkt. Mit unserem Faust verfolgen wir drei Ziele:
Erstens wollen wir – ganz schnöde – unterhalten, nicht weniger als das. Dabei möchten wir jedoch eine intelligente Klientel ansprechen.
Zweitens wollen wir einen (berechtigten oder unberechtigten) Anspruch geltend machen, unserer Fantasie freien Lauf zu lassen. Wir wollen zeigen, dass jeder eine Geschichte zu erzählen, Wünsche zur Erfüllung hat, dass in jedem von uns Faust und/oder Teufel stecken kann; außerdem, dass Faust ein ungeahntes Potential an Möglichkeiten für jeden von uns birgt.
Und drittens wollen wir zeigen, dass unsere Sprache, die Sprache der Dichter, Denker und Philosophen, die Sprache der Weltliteratur, dass unser Deutsch eine vielfältige, wohlklingende Sprache ist, eine Sprache mit Niveau und Anspruch, eine gar wundervolle, würdevolle Sprache, die mehr ist als ihr Ruf, die mehr ist als schrille Töne, hässliche Worte, die mehr ist als ein Jargon der Schulhofgänger und Sprachverhunzer, mehr als eine Gossensprache, als hohles Politikergesülze, sinnloses Geschwätz von Grafikern und Werbefuzzis. — Ja! Wir lieben die deutsche Sprache: Sie ist das Schönste, was Deutschsprechende eint.

Heimlich schleich ich mich in Euer Leben;
Schritt für Schritt und schwarz verhüllt.
Ich werd durch das Bewusstsein schweben
und husche flugs durch jedes Traumgebild.

Unsere Geschichte versteht sich aber auch als eine Huldigung an all jene, die sich vor uns mit dem Thema befassten, die uns die Ehre zuteilwerden ließen, dieses Thema nun weiterführen zu dürfen.
Und so wird es stets Menschen geben, die fasziniert sind von der historischen Person; die gefangen genommen werden von der literarischen Figur; die angeregt werden von den Möglichkeiten des Fauststoffes. – So, wie wir.
Allein wenn der Name Faust fällt, denken die meisten (verdrießlich oder freudvoll) unweigerlich an Goethe. Dabei war dieser bei Weitem nicht der Erste und schon gar nicht der Einzige, der an dieser Figur sein Vergnügen hatte. Er hat es allerdings wie kein anderer verstanden, seine Ideen und Gedanken umzusetzen. So ist dessen Faust wahrscheinlich das größte literarische Werk, das je geschaffen wurde, zumindest aber ein riesiges Stück Weltliteratur!
Mithin steht aus diesem Grunde jede neue Interpretation unter keinem guten Stern. Jeglicher Versuch, sich mit dem größten deutschen Dichter, mit unserm, der Deutschen größtem literarischen Schaffen, dessen Werdung ein ganzes Menschenleben beanspruchte, in Konkurrenz zu treten, wäre ein törichter, ja wäre fatal, weil jedes neue Werk bald ausschließlich mit diesem Meisterwerk verglichen und in allen Bezügen dasselbe als Maßstab zugrunde gelegt wird und kaum noch andere Normen akzeptiert werden. Und so ist dies auch beileibe nicht unser Wunsch und Wollen, uns auch nur annähernd in einen Vergleich zu begeben.
Dabei ist unseres Dichterfürsten Tragödie neben dem Fluch auch ein Segen gleichermaßen, denn ohne diese wäre das Thema bei Weitem nicht so präsent in allen Kunstformen.

Es wird zuweilen die Frage an uns herangetragen, wie man sich das vorstellen müsse, wenn zwei Autoren an einem Buch schrieben.
Die Antwort ist dann stets erhellend, wenn es heißt, eine Zusammenarbeit sei sehr spannend, erregend, überraschend. Denn der Eine wisse nicht, was der Andere geschrieben hätte, bis es einem vorgelegt würde. Oder einer fragt den Anderen, wie er dieses oder jenes besser gestalten könnte.
Da wir beide etwa den gleichen Stil zu schreiben pflegen, war es keine Herausforderung, die einzelnen Teile in einer Geschichte zu verbinden. So war unser größter Feind gleichwohl die Zeit; wir hatten theoretisch unbegrenzt davon!
Je weiter eine eventuell herannahende Veröffentlichung in die Ferne rückte, desto mehr schwoll unser Stück an. Wir hatten viel Mühe und Arbeit, es wieder auf ein gewünschtes Maß zu reduzieren.
Zudem haben wir uns, seit wir schreiben, intensiv mit unserer Muttersprache beschäftigt, was dazu führte, dass wir ständig neu erworbenes Wissen einzubringen hatten. Ebenso kam hinzu, dass wir uns auch mit vielen, vor allem alten Faustinterpretationen und anderen alten Büchern befassten und dadurch schöne alte Wörter kennenlernten, die wiederum weitere Möglichkeiten mit sich brachten.
Dadurch nahmen wir erst wahr, wie wunderschön unser Sprachschatz ist, wie besonders dieses Stück Kulturgut ist, das heute viele leichtfertig aus den falschen Gründen preisgeben. Dieses Schönheitsempfinden wollen wir weitergeben, wollen wir vermittelt wissen. Nicht ohne Grund sagte unser erster Testleser, er hätte nicht gewusst, was man mit Sprache alles machen könne. Und dieser Testleser war dazumal schon recht betagt, aber vor allem höchst belesen. Ein schöneres Kompliment hätte man uns nicht machen können.

Freilich haben unsere ersten Kritiker nicht nur Lobeslieder gesungen, aber wir waren stets offen und bemüht, uns den Aufgaben zu stellen und entsprechend Änderungen vorzunehmen.
Und geändert wurde viel. Stets gab es etwas, was auch von unserer Seite aus verändert werden wollte. Schließlich veränderten wir uns mit den Jahren auch persönlich und damit unsere Ansichten; wir sammelten Erfahrungen, die wir einfließen lassen wollten.
Da wir keinen Druck verspürten, einen bestimmten Termin zu halten, wurden wir auch nicht fertig. So zogen also die Jahre ins Land — ein ums andere. Mittlerweile sind es zweiunddreißig derer, die unsere ersten Zeilen aufweisen. Wir könnten heute nicht mehr sagen, welche Zeilen das sind — zu viel wurde inzwischen geändert, zu viele Programm- und Systemabstürze mussten wir erleiden; oft genug ohne Sicherungskopien. Ein ums andere Mal mussten wir deshalb von ausgedruckten Bearbeitungsexemplaren alles erneut in den jeweiligen Rechner eingeben. Einige Zeilen sind aber auch für immer verloren gegangen.

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Entwurf des Titelblattes

Wir hätten auch unser Leben lang das Buch anpassen und verändern können, wenn uns nicht unser heutiger Verleger auf Instagram gefunden hätte.
Mit regelmäßigen Textschnipseln haben wir auf unseren Faust hingewiesen, haben ihn vorgestellt, angepriesen, haben gelockt und geködert, bis wir eines Tages angeschrieben wurden.
Mittlerweile ist darob unser Faust abgeschlossen und wartet darauf, diese Aufmerksamkeit, wie wir sie ihm seit Jahrzehnten angedeihen lassen, von einem viel größeren, viel breiteren, viel hungrigeren Publikum zu erlangen; er sinnt darauf, das Licht der Welt zu erblicken. Und so alles gut geht, steht auch eine Veröffentlichung für das kommende Frühjahr (zur Leipziger Buchmesse) bevor.

Auf der informativen Website der Autoren erfährt man noch viel Faszinierendes über das Projekt, den historischen Faust und seine künstlerische Behandlung. Sehr lesenswert!

Ein Kommentar zu „Schreiberfahrungen – Gastartikel der Autoren Guido Brose und Dirk Schmidt

  1. Gerade als unbekannter Autor ist es besonders hilfreich, wenn erfahrene Autoren jemandem unter die Arme zu greifen wissen. Mit deiner Anfrage, mit deinem Beitrag ist es dir in bester Weise gelungen, liebe Heike, dafür und für deine lieben Worte, deine Achtung, deine wunderbare Einführung sind wir dir sehr dankbar.

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