Frauenmode zwischen den 1830ern und 1870ern

Als ich die Allender-Trilogie schrieb, gab ich oft der Versuchung nach, Kleider sehr detailliert zu beschreiben, einfach weil ich die Mode des 19. Jahrhunderts verehre und mich im Recherchieren und Schreiben darüber verlieren könnte. Natürlich habe ich letztlich mehrere der Beschreibungen herausgenommen oder gekürzt, weil zu viele davon für die Leser langweilig sind, es sei denn, sie lesen gerade ein Buch über Mode. Ich habe genug Details in den Büchern belassen, um die sich entwickelnde Mode im ganzen Jahrhundert zu zeigen, die in dem Buch behandelt wird Für diejenigen, die ein wenig mehr darüber wissen möchte, gebe ich hier einige Details aus den ersten vier Jahrzehnten der Allenders, welche in den Büchern Ferne Wolken und Letzte Abschiede behandelt werden.

Das 19. Jahrhundert begann mit geraden Kleidern aus leichten Stoffen im Empire-Stil (man denke nur an Jane Austen, hier gibt es schöne Fotos von diesem Kleidungsstil), dann begann der Rockumfang in den 1830er Jahren zu wachsen, erreichte in den 1860er Jahren dramatische Ausmaße und wurde erneut kleiner, im frühen 20. Jahrhundert wieder geradlinig.

1830er Jahre

Die Allender-Trilogie beginnt 1831, als die Damenmode ausgesprochen verspielt war. Kleider und Hüte ertranken in Verzierungen – Schleifen, Bänder, Spitzen, Blumen, Federn … wenn es auf Stoff genäht werden konnte, wurde es benutzt. Die knöchellangen Röcke waren voll, aus Massen von oft schweren Stoffen, oft mit Falten, und – neben den anderen Verzierungen – mit Volants versehen. Die Form des Rockes wurde durch das Tragen zahlreicher gestärkter Petticoats mit Rosshaar erreicht.

Nachdem die vorangegangenen Jahrzehnte den Frauen Raum zum Atmen gegeben hatten, kam die kleinere, akzentuierte Taille wieder in Mode und ebenso die Korsetts. Trotzdem waren letztere immer noch relativ locker und die Taille der Kleider war höher als am Körper der Trägerin.

Die Ärmel hatten8ec66-1835 in den 1820er Jahren angefangen, ihren Umfang zu vergrößern, und bis 1831 waren sie enorm, wie man auch auf der Illustration sehen kann. Sie hießen im Englischen leg of mutton sleeve (also Hammelkeulen-Ärmel), was es gut beschreibt. Bei uns sind sie unter dem Begriff Gigot-Ärmel bekannt. Der gerundete Teil war zu Beginn des Jahrzehnts am Oberarm und wanderte später nach unten. Aufwendige Konstruktionen wurden verwendet, um das notwendige Volumen zu erreichen – Kissen oder Fischgrät-Rahmen. Unnötig zu sagen, dass diese Mode nichts für berufstätige Frauen war. Die Ärmel erlaubten auch keine Mäntel, also waren Capes, Pelerines und Tücher in Mode. Während der 1830er Jahre wurden die Ärmel wieder kleiner und um 1840 waren die Arme eng von Stoff umschlossen.

Diese aufwendige Mode wurde komplett von Hand genäht, entweder von den Frauen des Hauses oder einer Näherin. Ländliche Familien fertigten gewöhnlich ihr eigenes Tuch, Stadtfamilien kauften es. Ärmere Familien trugen normalerweise selbstgewebtes Leinen, da es billig herzustellen war. Baumwolle war erschwinglich, und Seide wurde nur von den Reichen und gewöhnlich nur für Abendkleidung verwendet.

Das Haar war normalerweise in der Mitte gescheitelt, die Locken umrahmten das Gesicht, und natürlich waren auch die Frisuren reich verziert.

1840er Jahre

Die 1840er Jahre sahen schmalere Ärmel und eine engere und tiefere Taille (zurück zur natürlichen Taillenhöhe der Trägerin). Die Ärmel waren manchmal so eng, dass sie der Trägerin nicht erlaubten, ihre Arme zu heben, obwohl sie Mitte der 1840er Jahre wieder breiter wurden. Zu dieser Zeit wurde Unter-Ärmel populär, so dass der Unterarm von zwei Schichten von Ärmeln bedeckt wurde. Der neue Ärmel-Stil erlaubte das Tragen von Mänteln und Jacken als Oberbekleidung wieder, obwohl Umhänge und Pelerinen beliebt blieben.

Die Röcke wurden länger und voller – zusammen mit den vielen Unterröcken waren sie eine recht schwere Last. Wiederum trugen berufstätige Frauen einfachere Modelle, aber Kleidung wurde immer erschwinglicher und Frauen aus der Arbeiterklasse waren sehr begierig, modisch zu wirken, indem sie viele Unterröcke trugen.

Die Form des Rockes glich nun einer Glocke, eine Form, der mit Unterkissen (im Englischen „bustle“) und steifen Unterfütterungen erreicht wurde. Der Rock selbst war viel weniger verziert als in der vorherigen Dekade, obwohl einige kleinere Dekorationen und Volants noch verwendet wurden.

Röcke und Mieder waren oft getrennt und so konnten Mieder je nach Gelegenheit ausgetauscht werden – lange Ärmel und hoher Ausschnitt für den Tag und kurze Ärmel und ein wenig Dekolleté für die Abendgarderobe. Die Mieder hatten eine dreieckige Vorderseite von der Brust bis zur Taille.

Korsetts wurden steifer, sie wurden mit Fischbein, Holz oder sogar Metall verstärkt. Petticoats blieben notwendig, um die oben erwähnte Glockenform zu behalten, und eine Dame trug manchmal bis zu zehn Petticoats.

Frisuren waren weniger mädchenhaft, sie waren noch in der Mitte gescheitelt, ein Knoten am Hinterkopf wurde populär, obwohl manchmal auch Ringellocken zusätzlich und über den Ohren getragen wurden.

1850er Jahre

Die 1850er Jahre läuteten das Alter des Reifrocke ein. Zu Beginn des Jahrzehnts waren  Unterröcke noch notwendig – mindestens sechs wurden unter den weiten Röcken getragen. Sie waren warm und ungemütlich zum Laufen, und so freuten sich modische Damen außerordentlich, als 1856 die erste Käfigkrinoline (auch Reifen genannt) eingeführt wurde. Nun wurden die breiten Röcke von diesem Metallgerät gehalten und Frauen von den vielen  Unterröcken befreit. Krinolinen gab es in unterschiedlichen Qualitäten und Preisklassen, so dass auch Frauen mit wenig Geld eine kaufen und tragen konnten. Die Röcke wurden in den letzten Jahren der 1850er Jahre immer breiter. Abendkleider hatten breitere Röcke (bis zu 3 Meter!) als Tageskleider, berufstätige Frauen trugen normalerweise kleinere Reifen.

Dies verursachte jedoch auch einige Probleme – Frauen wurde geraten, nicht zu nahe am Kamin zu stehen, da die breiten Röcke dann leicht Feuer fangen konnten. Es gab ziemlich viele Feuer-und-Krinoline-Todesfälle. Es bestand auch die Gefahr,Dinge umzuwerfen – wenn man Frauen in Kleidern der späten 1850er und frühen 1860er Jahre betrachtet, kann man sehen, wie viel Platz ihre Röcke einnahmen. Durch Krinolinen verursachte Pannen waren in diesen Jahren ein beliebtes Thema für Karikaturen und Witze.

Die beliebtesten Rockdekorationen in den 1850er Jahren waren Volants, entweder aus demselben Stoff wie das Kleid oder aus Spitze. Bis zu 20 – 25 Volants am Rockteil des Abendkleides wurden während des Jahrzehnts ganz normal. Volants wurden auch an Mieder und Ärmeln verwendet.

Die engen Mieder erlaubten das Tragen von Jacken als Oberbekleidung, obwohl Paletots beliebt blieben. Die Jacken wurden ausgestellt, um die weiten Röcke unterzubringen, und die Ärmel der Jacke waren breiter, weil die Unter-Ärmel ebenfalls noch in Mode und ziemlich voll geworden waren. Manchmal wurden Metallrahmen verwendet, um die Unter-Ärmel in ihrer voluminösen Form zu halten.

In einigen Situationen konnten Reifröcke hochkippen und mehr Bein zeigen, als es anständig war, so dass die Damen sicherheitshalber lange Unterhosen trugen.

Eine weitere Innovation beeinflusste die Mode – die Nähmaschine begann Ende des Jahrzehnts populär zu werden und reduzierte auch die Kosten für die Herstellung von Kleidung. Andererseits erforderten die neuen vollen Röcke enorme Mengen an Stoff und so wurden tagsüber weniger teure Stoffe getragen.

Was die Frisuren betraf war der Knoten immer noch beliebt, rutschte aber am Hinterkopf zum Halsansatz hinunter und wurde loser – ein Chignon. Die Zeit der Ringellöckchen war vorbei, die Haare wurden aus dem Gesicht gehalten.

1860er Jahre

In den 1860er Jahren waren die Krinolinen immer noch erstaunlich breit, aber ihre Form begann sich zu ändern, ein Trend, der sich in den 1870er Jahren fortsetzen würde. Der Rock war nicht mehr gleichmäßig rund, sondern wurde vorne gerader und nach hinten geneigt, wodurch eine ovale Form entstand. In der zweiten Hälfte der 1860er Jahre rückte der Schwerpunkt weiter nach hinten, die Schleppe begann sich zu entwickeln (und wuchs schnell) und am Ende des Jahrzehnts begann das Zeitalter der Unterkissen („bustles“), die direkt unter der Taille unter dem Rock angebracht wurden und es so aussehen ließ, als ob alle Damen gewaltige Hinterteile hätten.

Aufgrund der zunehmenden Beliebtheit der Nähmaschine war das Schneidern schneller und billiger, und so konnten sich Frauen mehr Kleider leisten als zuvor. Früher hatten die meisten Damen ein Tages- und ein Abendkleid getragen – oft wurde für das Abendkleid nur das Mieder ausgetauscht. Jetzt wurden verschiedene Kleider für verschiedene Anlässe populär und Kleider waren mittlerweile meist einteilig.

Volants waren passé, Dekorationen und Verzierungen wurden während des amerikanischen Bürgerkrieges reduziert, aber in den Nachkriegsjahren wieder populär. Kleiderfarben waren hell und kräftig, Stoffe leichter. Sogar Arbeiterinnen konnten sich nun Seidenkleider leisten, allerdings nur für besondere Anlässe.

In der ersten Hälfte des Jahrzehnts war der amerikanische Bürgerkrieg ein weiterer Einflussfaktor für die Mode. Mieder zeigten manchmal einige militärische Elemente und sahen ein wenig wie Uniformjacken aus.

Das Jahrzehnt begann damit, den Stil der Unter-Ärmel beizubehalten, aber am Ende des Bürgerkriegs wurden die Ärmel wieder enger und schlossen den ganzen Arm ein, so dass die Zeit der Unter-Ärmel vorbei war.

Ein interessanter neuer Trend der 1860er Jahre war das Aufkommen von Sportbekleidung für Frauen. Kleider waren schon etwas kürzer geworden, was das Laufen erleichterte. Eine Frau, die gerne wandern ging, konnte jetzt einen noch kürzeren Rock tragen und ihre Knöchel frei lassen; sie konnte ihn beim Laufen sogar noch ein wenig hochziehen. Dieses Jahrzehnt war auch der Beginn des Badeanzugs für Damen. Wie man auf dem Bild (Godeys Ladies‘ Magazine, 1864) sehen kann, war es noch ein langer Weg bis zum heutigen Badeanzug, aber es war eine bemerkenswerte Entwicklung für die Zeit.

Der Chignon der 1850er Jahre zog nun am Hinterkopf wieder nach oben (was zur Entwicklung von kleineren Hüten führte). Falsches Haar wurde gerne verwendet und  immer beliebter, so dass vollere und aufwendigere Frisuren möglich wurden.

1870er Jahre

Die 1870er entwickelten die Trends der späten 1860er Jahre rasch weiter und veränderten die Form weiblicher Kleider völlig. Das Unterkissen war die neue Krinoline. Die Rockumfänge waren in den 1860er Jahren stetig kleiner geworden, so dass eine Krinoline nicht mehr benötigt wurde, während das Unterkissen weiter wuchs. Zu Beginn der 1870er Jahre waren die Röcke vorne eng und hinten großzügig, dann wurden sie weiter schmaler, so dass sie am Ende des Jahrzehnts fast gerade und teilweise sogar eng waren. Die Mieder waren genauso eng und oft so geschnitten, dass sie wie schmale Jacken aussahen. Die Röcke waren schwer und so entwickelte sich der Stil zurück zum zweiteiligen Kleid. Stoffe wurden auch wieder schwerer, Farben dunkler.

Die Ärmel blieben fast die ganze Zeit über gerade, obwohl es in der ersten Hälfte der 1870er Jahre einige Jahre gab, in denen volle Unterarme oder Puffärmel Mode waren.

Unterkissen wurden normalerweise nicht in Kleider eingenäht, sondern separat getragen und um die Taille gebunden. Sie waren zunächst wie ein großes sperriges Baumwollkissen und entwickelten sich dann zu käfigartigen Strukturen. In der zweiten Hälfte der 1870er Jahre wurden die Unterkissen kleiner und waren dann für ein paar Jahre aus der Mode, um erst in den 1880er Jahre ein Comeback zu erleben.

Mit der Popularität der neuen schlanken Silhouette wurden Korsetts länger, den Bauch bedeckend, so dass er abgeflacht werden konnte, während Unterröcke die enge Silhouette verdarben und schließlich nicht mehr getragen wurden. Die Hauskleider waren etwas weniger eng und erlaubten mehr Komfort in der Privatsphäre des eigenen Hauses. Berufstätige Frauen, besonders jene, die auf Farmen arbeiteten, trugen lose und vollere Kleider über einem Petticoat – das sogenannte Prärie-Kleid.

Das Schneiderhandwerk hatte sich weiterentwickelt, Dekorationen wurden mittlerweile in Massenproduktion hergestellt und damit für Frauen mit bescheidenen Mitteln erhältlich. Andererseits brachten die 1870er das Zeitalter der Designer-Namen. Charles Frederick Worth, der Pionier der Haute Couture, hatte 1858 seine Schneiderei eröffnet und als die französische Kaiserin Eugénie, eine Modeikone, seine Kundin wurde, erlangte er schnell Ruhm und gewann Kunden unter europäischen Königen, Prominenten und Schauspielerinnen. Er verwendete Modelle, um Kleider zu zeigen und nähte ein Etikett mit seinem Namen in jedes Kleid – das Designerlabel war geboren. In den 1860ern erreichte sein Ruhm die Vereinigten Staaten und in den 1870er Jahren war Worth dort ein bekannter Name. Hier sind einige der Kleider, die er kreiert hat.

Die Unterkissen erlaubten keine langen Mäntel, daher blieben Jacken, Umhänge und Paletots die beliebteste Oberbekleidung.

Rasentennis wurde in den 1870er Jahren populär und während Frauen meistens in ihrer normalen Kleidung spielten, gab es einige, die Kleider ohne Korsetts und mit mehr Spielraum vorzogen. Frauen zeigten weiterhin Interesse an verschiedenen Sportarten und so gab es ein wachsendes Interesse für praktischere Kleidung.

Falsches Haar war weiterhin sehr begehrt und ermöglichte es Frauen, immer aufwendigere Frisuren zu kreieren – volle Zöpfe, die komplett aus falschen Haaren bestanden, und aufgeschichtete Locken. Hüte mussten deshalb klein bleiben, thronten oft auf wahren Haarkunstwerken.

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