Das koloniale Philadelphia

Die Hochphase von Philadelphias Zeit als Geburtsort der Nation, erster Hauptstadt und dann künstlerischem Zentrum des Landes war bereits zu Beginn der Allender-Trilogie vorbei. Dennoch bleibt das koloniale Philadelphia ein wichtiger Teil von Ferne Wolken, dem ersten Buch der Trilogie. Der in Philadelphia gelegene Wohnsitz der Familie ist ein Kolonialhaus in der Pine Street, im Stadteil Society Hill. Hier finden sich noch heute die typischen Reihenhäuser aus roten Ziegelsteinen, mit farbigen Türen und Fensterläden, die herrliche Gemütlichkeit verströmen. Wenn eine der Hauptfiguren des Buches, Malcolm, eine Besucherführung durch das alte Philadelphia und das State House (die heutige Independence Hall) zu einer kleinen Tradition macht, erinnert er an die Tage der Gründerväter und der wichtigsten Zeit Philadelphias. Ich muss zugeben, dass seine Faszination für das koloniale Philadelphia direkt von mir selbst stammt, und als ich noch im guten alten Philly lebte, nahm ich viele Besucher zur Independence Hall mit und genoss es immer, durch Society Hill zu schlendern. Ich sah ein schöneres, gepflegteres Kolonialviertel als Malcolm und seine Gäste – das historische Viertel begann bereits in den 1830er Jahren, seinen Glanz zu verlieren und kam wurde im Laufe der Jahrzehnte immer mehr herunter.

Philadelphia, in den 1680er Jahren gegründet, ist eine der ältesten Städte Amerikas. Die Stadt der Nächstenliebe wurde vom Quäker William Penn als Ort der Toleranz und des Friedens mit breiten Straßen und vielen Gärten konzipiert. Diese Vorstellung einer Stadt war zu jener Zeit äußerst innovativ – die durchschnittliche europäische Stadt des 17. Jahrhunderts zeichnete sich durch engstehende Häuser, schmale Gassen und Gedränge aus. Die offenen und breiten Straßen Philadelphias waren nicht nur ästhetisch begründet, sie hatten auch einen praktischen Hintergrund. Weniger als zwanzig Jahre vor der Gründung Philadelphias war London bei dem Brand von 1666 weitgehend zerstört worden; ein Feuer, das sich aufgrund der dicht beieinander stehenden Holzhäuser schnell ausbreiten konnte. Philadelphias Häuser sollten aus Backstein sein – eine weitere Vorsichtsmaßnahme gegen Feuer. Die Stadt wuchs schnell (und es gab weniger offene Flächen als ursprünglich geplant, da jeder in der Nähe des Delaware River wohnen wollte – hier fand der gesamte Handel statt). William Penns Plan war, die Stadt gleichmäßig zwischen den Flüssen Delaware und Schuylkill anzulegen, aber in den ersten Jahrzehnten wuchs Philadelphia nicht viel weiter westlich als bis zur Fourth Street. Es wirkte attraktiv auf Händler und wuchs zu einer Handelsstadt heran. Penns Vision war spiritueller, aber die Realität zog Händler, Handwerker und andere Unternehmer an. Eine schottische Handelsfamilie wie die Allenders, die kein einfaches Leben als Katholiken im presbyterianischen Schottland hatten, würde im frühen 18. Jahrhundert eine Stadt wie Philadelphia anziehend gefunden haben: religiöse Toleranz, eine wachsende Wirtschaft mit vielen Möglichkeiten für die Geschickten und hart Arbeitenden.

In den 1770er Jahren hatte sich Philadelphia zu einer Stadt mit 30.000 Einwohnern entwickelt (doppelt so viele wie Boston), die führende Kraft im Überseehandel. Es gab eine etablierte Oberschicht und eine blühende Mittelschicht erfolgreicher Geschäftsleute und Handwerker. Handwerk, aber auch Kunst und Architektur aus Philadelphia waren bekannt. Um aus „Philadelphia: A 300-Year History“ zu zitieren: Aus vielen Gründen war Philadelphia dazu bestimmt, eine herausragende Rolle in der amerikanischen Revolution zu spielen. Seine strategische Lage,  sein Reichtum, die industrielle und kommerzielle Bedeutung, zahlreiche und kosmopolitische Einwohner aus gebildeten und geschäftlich versierten Schichten führten dazu, dass es nach 1774 der Mittelpunkt der revolutionären Aktivitäten Amerikas wurde. (…) Zu Beginn der Feindseligkeiten war die Stadt in so vielen Bereichen erfolgreich, dass ihr Potenzial für die Führung innerhalb der Kolonien deutlich zu Tage trat.

Das koloniale Philadelphia erstreckte sich auf dem Gebiet zwischen Cedar (heute: South) Street im Süden und Sassafras (heute: Race) Street im Norden und ging noch nicht viel weiter nach Westen als die Fifth Street. Seventh und Eighth Street waren schon ländlicher, fast Vororte. Ein Teil dieses Gebietes (von der Lombard Street im Süden bis zur Walnut Street im Norden und der Eighth Street im Westen) ist als Society Hill bekannt, benannt nach der Free Society of Traders, einer kurzlebigen Aktiengesellschaft der 1680er Jahre, die hier Land verkaufte.

Es muss eine wundervolle Zeit gewesen sein, in Philadelphia zu leben, einer pulsierenden Stadt, in der wunderschöne Villen und öffentliche Gebäude gebaut wurden, in denen es eine Atmosphäre von Erfolg und Innovation gab. Die hier abgebildeten Kupferstiche der New York Public Library Digital Gallery zeigen malerische, aber belebte Straßen (die Stiche stammen aus dem Jahr 1800).

Philadelphia war zeitweise die Heimat von Benjamin Franklin, Joseph Bonaparte (älterer Bruder von Napoleon Bonaparte) und dem französischen König Louis Philippe I., als er als Herzog von Orleans im Exil war. Philadelphia war auch der Standort der ersten öffentlichen Bibliothek des Landes, der ersten Bank, des ersten botanischen Gartens, der ersten Börse, des ersten Krankenhauses, der ersten Versicherungsgesellschaft … Viele weitere „Philadelphia Firsts“ würden in den kommenden Jahrzehnten folgen – Philadelphia war Vorreiter.

Die Stadt wurde zum Geburtsort einer neuen Nation, als die Männer, die heute als Gründerväter bekannt sind, sich mehrere Male hier versammelten, um den Kurs für die Revolution gegen den britischen König zu bestimmen. Philadelphia bot eine zentrale Lage und eine hervorragende Infrastruktur für diesen Zweck. Mehrere Gebäude erinnern an diese aufregenden Tage.

Die City Tavern war der Lieblingsort der Gründerväter für eine Mahlzeit und einige Getränke nach einem anstrengenden Tag auf dem Kontinentalkongress. Es war damals ein neues Restaurant, das erst 1773 eröffnet wurde, aber sofort zu einem beliebten Lokal geworden war. Das heutige Gebäude ist eine Replik des Originals, das 1854 abgebrannt ist. Es ist im Kolonialstil eingerichtet und serviert Gerichte aus dem 18. Jahrhundert.

Ein weiteres Gebäude, das damals brandneu war, war die 1774 fertiggestellte Carpenters‘ Hall, in der der erste Kontinentalkongress stattfand. Carpenters‘ Hall beherbergte auch die oben erwähnte erste öffentliche Bibliothek, die von Benjamin Franklin gegründet wurde; während des Unabhängigkeitskrieges war es ein Krankenhaus und nach dem Krieg eine Bank. In der guten Tradition der Philadelpia Firsts war es auch der Ort des ersten Banküberfalls des Landes.

Wann immer ich Berichte über die Kontinentalkongresse und die Verfassungsversammlung lese, wird erwähnt, dass es ein extrem heißer Sommer war. Nein, diese Treffen fanden nicht alle im selben Sommer statt, aber jedes Mal, wenn sich die Gründerväter in Philly versammelten, schienen sie besonders warmes Wetter erwischt zu haben. So ist es nicht verwunderlich, dass Thomas Jefferson beschloss, die Hektik der erdrückenden Stadt zu verlassen und in einen ländlicheren Teil zu ziehen, um die Unabhängigkeitserklärung zu entwerfen. Er mietete ein Zimmer im Graff-Haus an der Seventh und Market Street – das Haus war ein weiteres neues Gebäude, das 1775 fertiggestellt wurde. All diese neuen Gebäude sagen viel über das damalige Philadelphia aus – es war eine Stadt in Bewegung. Das Graff-Haus (Deklarationshaus) – oder eher eine Kopie davon, da das Original 1883 abgerissen wurde – kann heute besichtigt werden. Es liegt nicht mehr am Stadtrand, sondern mitten im Zentrum.

Das berühmteste Gebäude, das mit der Gründung der Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht wird, ist ohne Zweifel Independence Hall, damals Pennsylvania State House genannt. Der Bau wurde bereits 1753 beendet und ist heute ein Unesco-Weltkulturerbe. Hier wurde die Unabhängigkeitserklärung beschlossen und den Menschen vorgelesen, hier wurde die Verfassung fertiggestellt (die Versammlung zur Gestaltung der neuen Regierung begann im Jahr 1787 während eines – natürlich – sehr heißen Sommers, und trotzdem wurden die Fenster die ganze Zeit geschlossen gelassen, um die Diskussionen geheim zu halten). Es war auch hier, dass Lincolns Leiche im Jahre 1865 zum Abschiednehmen aufgebahrt wurde. Das State House war zudem der Ort des ersten (ein anderes Philadelphia First!) Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten (im Alten Rathaus, das Teil des Gebäudekomplexes ist).

Von 1790 bis 1800 war Philadelphia die Hauptstadt der Vereinigten Staaten – die temporäre Hauptstadt. Warum temporär? Es gab eine hitzige Diskussion über den Standort der Hauptstadt – der Süden wollte nicht, dass die Hauptstadt im Norden war; der Norden wollte keine Hauptstadt im Süden. Der sogenannte Residence Act brachte einen Kompromiss: Eine neue Hauptstadt sollte am Fluss Potomac errichtet werden – in der Mitte zwischen Nord und Süd. In der Zwischenzeit sollte Philadelphia Hauptstadt des Landes sein, und es gab einige, die hofften, dass die vorläufige eine dauerhafte Lösung werden würde. In „Philadelphia: A 300-Year History“ wird die Stadt zu dieser Zeit wie folgt beschrieben: (…) rote Backsteinhäuser an Bürgersteigen aus rotem Backstein, Reihen von Platanen, Weiden und lombardischen Pappeln, mit Kieselsteinen gepflasterte Hauptstraßen mit Ziegel- oder Holzrinnen, mit Pfosten zwischen Fahrbahnen und Fußwegen zum Schutz von Fußgängern.

Der Gebäudekomplex des State House beherbergte die neue Regierung. George Washington nahm seinen Wohnsitz in der Stadt, gleich um die Ecke vom State House, an der heutigen 524 – 530 Market Street (damals: 190 High Street). Von der Präsidentenresidenz ist nichts mehr übrig. Tatsächlich war sich niemand lange sicher, wo sie gewesen war. Das Haus wurde 1832 abgerissen. Ein interessanter Artikel (auf Englisch) über das Haus und seine Wiederentdeckung im 21. Jahrhundert findet sich hier.

Während der Hauptstadtjahre blühte Philadelphia weiter auf und die neuen Villen waren noch aufwendiger als jene der Kolonialjahre. Die Reichen genossen ein vielfältiges gesellschaftliches Leben, der Handel florierte. Zehn Jahre lang war Philadelphia sicher die einflussreichste Stadt des jungen Landes. Als die Bundesregierung nach Washington zog, wurde Philadelphia zu einem Zentrum der schönen Künste, später zu einer geschäftigen Industriestadt.

Society Hill verlor nach und nach seine Attraktivität. Die Industrie florierte, Einwanderer überschwemmten die Stadt und wohnten in der Nähe des Delaware River. Die wohlhabenderen Familien zogen weiter nach Westen, und Society Hill wurde zuerst zum Viertel der unteren Mittelschichten, die meisten kolonialen Backsteinbauten hatten nun ein Geschäft im Erdgeschoss. In den 1930er Jahren war Society Hill ein heruntergekommenes verfallenes Elendsviertel. Fotos aus diesen Jahren sind äußerst deprimierend, sie zeigen die einst prächtigen Häuser mit Brettern vernagelt, einige schon fast in Trümmern, viele Grundstücke leer. Erste Versuche, das historische Viertel zu retten, wurden in den 1930er Jahren gemacht. In den 1950er und 1960er Jahren unternahm die Stadt ein enormes Sanierungsprojekt, um die kolonialen Häuser von Philadelphia zu renovieren und zu rekonstruieren. Die Tage der Gründungsväter und die aufregende Atmosphäre einer blühenden Stadt in einem neuen Land sind längst Vergangenheit, doch das heutige Society Hill bietet Einblicke in diese aufregenden Zeiten.

Wie immer haben mir mehrere Bücher geholfen, mehr über das alte Philadelphia zu erfahren:

  • Philadelphia: A 300-Year History war meine Hauptquelle für alle historischen Forschungen, wann immer ich in der Allender Trilogie über Philadelphia schrieb. Es ist sehr detailliert (hat aber überraschend wenig Informationen über die Inflenza-Pandemie von 1918) und bietet hervorragende Informationen über alle relevanten Aspekte der Geschichte von Philadelphia
  • Philadelphia Then and Now zeigt einige Häuser und Straßen in Philadelphia, wie sie in alten Fotografien und heute aussehen, kombiniert mit ein paar Fakten über die Gebäude. Manchmal fehlten mir Informationen über das Datum, an dem die alten Fotos gemacht wurden, und der Fokus liegt auf den Fotografien, nicht auf den historischen Informationen, aber es vermittelt einen guten Eindruck davon, wie die Stadt früher ausgesehen und sich verändert hat
  • Old Philadelphia in Early Photographs 1839-1914 zeigt sehr alte Fotos und bietet auch einige Hintergrundinformationen. Eine großartige Quelle, um mit eigenen Augen zu sehen, wie Philadelphia in alten Zeiten aussah

Einige hilfreiche Links (auf Englisch) über das koloniale Philadelphia / Society Hill:

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