Buchempfehlung: Kämpfen. Leiden. Lieben (Leben im Schwarzwald)

Ich finde es immer herrlich, wenn Bücher über Geschichte über Jahreszahlen und Herrscher und Berühmtheiten hinausgehen und uns das ganz normale Alltagsleben der ganz normalen Leute beschreiben. Deshalb war ich gleich angetan vom Konzept dieses Buches, das genau meinem Vorlieben und auch meinem Vorgehen beim Schreiben entspricht: „Geschichte über spannende Geschichten zu veranschaulichen (…). Im Mittelpunkt stehen dabei nicht bekannte Herrscher und die große Politik, vielmehr schildern die 16 Miniaturen dieses Buches das Schicksal einfacher Leute.“ (Klappentext). Dieses Buch hat wirklich Spaß gemacht!

In „Kämpfen. Leiden. Lieben“ gibt Thomas Binder uns einen historischen Überblick über das Leben der ganz normalen Schwarzwälder. Keine gekrönten Häupter, keine Berühmtheiten, sondern alltägliche Menschen in ihrem alltäglichen Leben. Das an sich fand ich schon sehr erfreulich und zudem wurde diese gute Idee auch noch ausgezeichnet umgesetzt. Weiterlesen „Buchempfehlung: Kämpfen. Leiden. Lieben (Leben im Schwarzwald)“

Buchempfehlung: Der rote Judas

„Der rote Judas“ hat mich gleich aus zwei Gründen angesprochen: zum einen die historische Epoche, denn das Buch spielt im Jahr 1920 und geht thematisch in die Jahre des ersten Weltkriegs zurück. Zum anderen die Tatsache, daß es in Leipzig spielt. Natürlich ist es für mich besonders interessant, zu sehen, wie andere Autoren Leipzig als Handlungsort nutzen, einbinden, beschreiben. Thomas Ziebula erweckt ein ganz anderes Leipzig, als es meine Schönaus erleben. Während meine Schönaus im Musikviertel wohnen, im Felsche und im Fürstenhof kulinarische Freuden genießen und für besondere Anlässe ins Gewandhaus gehen, während sie noch ein wenig dem Kaiser nachtrauern (oder zumindest den sicheren Vorkriegszeiten) und die sozialdemokratische Regierung der frühen Weimarer Republik etwas skeptisch betrachten, nehmen die Charaktere im roten Judas den Leser mit nach Connewitz, in Kneipen, ins Volkshaus, in Bars mit „exotischem Tanz“, wie es damals so schön hieß. Der Protagonist ist Sozialdemokrat, das Leben durch seinen Beruf, seine Erfahrungen und politische Gegenspieler rau und oft erbarmungslos. Dieser Gegensatz zum Bildungsbürgerumfeld meiner Schönaus, dieses zur gleichen Zeit und doch irgendwie in einer anderen Welt stattfindende Leipzig war wie eine Neuentdeckung jener Stadt. Aber auch sonst gab es natürlich viele Gründe, dieses Buch zu lesen und hier weiterzuempfehlen: Weiterlesen „Buchempfehlung: Der rote Judas“

Buchempfehlung: Das Weisse Gold der Hanse

In meiner Schönau-Saga gibt es einen Hauptcharakter, der promovierter Historiker ist. Ich bin in diesem Fall vom Fachgebiet des tatsächlichen familiären Vorbilds abgewichen, weil ich mit diesem Gebiet nicht viel anfangen konnte, mit Geschichte dafür umso mehr und die Begeisterung meines Charakters für sein Fachgebiet eben auch eine Rolle spielt und ich dies glaubhaft vermitteln wollte. Durch die Recherche über seine Spezialisierung auf die Stauferzeit bin ich dann einer geschichtlichen Epoche nähergekommen, die mich bislang gar nicht so sehr interessiert hatte. Und was bin ich froh, diese Epoche nun für mich entdeckt zu haben, denn sie ist ungemein spannend! Seitdem verschlinge ich alles über die Salier, die Staufer, die Hanse und andere Themen dieser Epoche, darunter natürlich auch historische Romane.

Einer dieser Romane, der mir besonders gut gefallen hat, spielt in Lübeck und Wismar, zwischen 1231 und 1286: „Das Weisse Gold der Hanse“. Weiterlesen „Buchempfehlung: Das Weisse Gold der Hanse“

Speziallager Nr. 2 – Buchenwald, 1945 – 1950

(Bild mit Creative Commons Erlaubnis zur Verwendung hier entnommen)

Eine auf der eigenen Familiengeschichte beruhenden historischen Roman zu schreiben, macht die Recherche über eine ohnehin so dunkle Epoche manchmal noch schwerer, denn hier spielt eine persönliche Komponente mit hinein. Das habe ich unter anderem bei der Recherche zum Speziallager Buchenwald sehr gemerkt. Ich war noch ein Kind, als meine Großtante erwähnte, daß ihr Ehemann nach dem Krieg dort interniert gewesen wäre und das „nach dem Krieg“ hat mich verwirrt, denn ich wußte nicht, daß sich die Geschichte mancher Lager auch in die Nachkriegszeit hinein erstreckte. Als junge Erwachsene fand ich in Buchenwald dazu auch keine Hinweise – die Dauerausstellung zum Speziallager wurde erst 1997 eröffnet. Während der DDR-Zeit wurde diese dunkle Zeit der Weiternutzung des Lagers völlig totgeschwiegen.

Als ich später mit meiner Großtante ein wenig mehr über das Thema sprach, war ich überrascht, wie wichtig es ihr war, mir zu erklären, dass ihr Mann in der Nazizeit nicht involviert war – kein Parteimitglied, Anhänger des Regimes, sondern ein ganz seinem Thema verhafteter Geisteswissenschaftler, der „keiner Fliege was zuleide tun konnte“. Was, nach allem was ich sonst hörte, auch stimmte, ich konnte nur nicht verstehen, warum meiner Großtante diese Klarstellung so wichtig war, denn ich hatte ohnehin keine Annahme in der Richtung getroffen oder ausgesprochen. Auch das verstand ich erst, als ich mich mit der Geschichte des Speziallagers und dem späteren Umgang damit zu DDR-Zeiten näher befaßte. Die Internierungen wurden unter dem Vorwand der Bestrafung von Naziverbrechern durchgeführt und jenen, die ihre Internierung überlebten und nachher in der DDR blieben, haftete das Stigma weiterhin an.

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Zu Goethes Geburtstag ins Goethehaus Frankfurt

Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt.

Das Goethehaus, an dem der gute Goethe heute vor genau 270 Jahren zur Welt kam, ist mein Lieblingsort in Frankfurt und natürlich schleppe ich jeden sich nicht wehrenden Besucher dorthin. So idyllisch die Adresse Großer Hirschgraben auch klingt, heute macht die Gegend nicht viel her, das originalgetreu wieder aufgebaute Goethehaus liegt in einer Straße voller Nachkriegsscheußlichkeiten. Im Haus aber kann man die moderne Außenwelt aber wirklich für einige Zeit vergessen.

Die Herkunft des Straßennamens erklärt uns Goethe in Dichtung und Wahrheit selbst:

Wir hatten die Straße, in welcher unser Haus lag, den Hirschgraben nennen hören; da wir aber weder Graben noch Hirsche sahen, so wollten wir diesen Ausdruck erklärt wissen. Man erzählte sodann, unser Haus stehe auf einem Raum, der sonst außerhalb der Stadt gelegen, und da, wo jetzt die Straße sich befinde, sei ehmals ein Graben gewesen, in welchem eine Anzahl Hirsche unterhalten worden. Man habe diese Tiere hier bewahrt und genährt, weil nach einem alten Herkommen der Senat alle Jahre einen Hirsch öffentlich verspeiset, den man denn für einen solchen Festtag hier im Graben immer zur Hand gehabt, wenn auch auswärts Fürsten und Ritter der Stadt ihre Jagdbefugnis verkümmerten und störten, oder wohl gar Feinde die Stadt eingeschlossen oder belagert hielten. Dies gefiel uns sehr, und wir wünschten, eine solche zahme Wildbahn wäre auch noch bei unsern Zeiten zu sehen gewesen.

Ja, Hirsche in Frankfurt, das kann man sich mittlerweile gar nicht mehr vorstellen. Auch die rückwärtige Nachbarschaft stellt sich heute anders dar als zu Goethes Zeiten, der damals einen gerade idyllischen Ausblick hatte: Weiterlesen „Zu Goethes Geburtstag ins Goethehaus Frankfurt“

Schreiberfahrungen – Gastartikel des Autors Rainer Schneider

In einem früheren Blogartikel habe ich schon einige Hintergründe zu der hervorragenden Lebenswege-Serie Rainer Schneiders gegeben. Ich habe seitdem alle Bücher der Serie gelesen (und hoffe, daß Band 7 dann auch bald erscheint, Rainer Schneider arbeitet schon engagiert daran). Jeder Band hat seine ganz eigene Stimme, behandelt einen anderen Aspekt des unangepaßten Lebens in der DDR. Ich habe aus diesen Büchern unglaublich viel gelernt, habe den ausgezeichneten Schreibstil genossen und das Wissen, daß die Geschichten auf wahren Schicksalen beruhen (weitere Informationen gibt es auf Rainer Schneiders Website), hat den Bücher eine besondere Intensität gegeben. Meine und viele andere Rezension zu den Büchern können ua bei Lovelybooks gelesen werden.

In einem Gespräch mit Rainer Schneider erfuhr ich, daß er an den Büchern jahrelang arbeitet, da er sie nach dem Schreiben der Reihe nach gründlich überarbeitet hat. So lag es nah, ihn um einen Einblick in diesen Aspekt des Autorenlebens zu bitten. Auch zur Lebenswege-Serie gibt es in seinem Artikel Interessantes zu lesen.  Weiterlesen „Schreiberfahrungen – Gastartikel des Autors Rainer Schneider“

Die Nürnberger Gesetze von 1935 und die Dienstmädchen

16. September 1935 in Berlin, Auszug aus „Des Lebens labyrinthisch irrer Lauf“:
Dorchen nahm die Zeitung vom Tisch und hielt Richard eine Seite hin. Mit zitterndem Finger tippte sie auf den Text.
„Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes,“ las Richard vor. Er überflog den Text. „Eheschließungen und Beziehungen zwischen Juden und Ariern verboten. Das haben sie sich jetzt in Nürnberg einfallen lassen? Das ist ein weiterer Auswuchs ihres Irrsinns und sehr unschön, aber kein Grund zu weinen.“
Dorchen sah ihn stumm an, während die Tränen ihre Wangen hinunterliefen.
Plötzlich verstand Richard. „Oh.“
„Es ist schlimm genug, wenn man alles verheimlichen muss, weil man Angst vor den Reaktionen haben muss, aber nun macht man sich strafbar! Nur weil man jemanden liebt! Er würde mit Zuchthaus bestraft! Zum Schutz des deutschen Blutes, als ob die Juden verseucht wären! Wie kann denn so etwas Gesetz sein?“

Die am Vortag jenes Dialoges erlassenen „Nürnberger Gesetze“ sind wahrscheinlich jedem, der sich ein wenig mit der Nazidiktatur beschäftigt hat, ein Begriff. Dieses absurde Gesetz eines gesetzlosen Staates wurde durch Schaubilder illustriert, die genau zeigten, wann man „Deutschblütiger“, „Mischling 2. Grades“, „Mischling 1. Grades“ oder „Jude“ war. In einem zweiten Gesetz wurde den Juden zugleich noch die Bürgerschaft entzogen, Juden waren keine Reichsbürger mehr. Dies bedeutete unter anderem eine Entziehung des aktiven und passiven Wahlrechtes. Weiterlesen „Die Nürnberger Gesetze von 1935 und die Dienstmädchen“

Buchempfehlung: Deutschland – Erinnerungen einer Nation

Momentan lese ich mich durch die dreibändige deutsche Geschichte 1800 – 1918 von Thomas Nipperdey. Das Werk ist ausgesprochen informativ, erklärt viele Zusammenhänge und wird noch einen eigenen Blogeintrag erhalten. Bei über 2.000 Seiten kann man sich vorstellen, daß man die Bücher nicht mal eben so weglesen kann.

Wer sich die deutsche Geschichte etwas leichter und flotter erlesen möchte, sollte zu „Deutschland  – Erinnerungen einer Nation“ („Germany – Memories of a Nation“) greifen.

Dieses Buch zu lesen war ein wahres Vergnügen! Anhang von Objekten aus der deutschen Vergangenheit macht man eine Reise in verschiedene historische Epochen Deutschlands und erliest sich so auf sehr unterhaltsame Art die deutsche Geschichte. Das Buch geht nicht chronologisch vor, jedes Kapitel behandelt in sich abgeschlossen einen Aspekt oder eine Person der Geschichte und berichtet von dort ausgehend über den jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontext. Weiterlesen „Buchempfehlung: Deutschland – Erinnerungen einer Nation“

Der 9. November in der Geschichte

Nun sind auch die beiden neuen Lovelybooks-Leserunden zu den Büchern der Schönau-Saga zu Ende. Es war erneut ein herrliches Erlebnis. Ich habe meine Erfahrungen aus meinen letzten Leserunden genutzt und diesmal die Bewerber sehr akribisch ausgewählt. Gut, auch hier gab es leider eine Teilnehmerin, die nach dem ersten Posting in der Versenkung verschwand, aber dafür gab es Teilnehmerinnen, die sich unglaublich toll eingebracht haben. Sehr überrascht war ich, als mehrere gleich zustimmten, nach der „Bürgerin aller Zeiten“-Runde gleich eine Runde mit Eigenexemplaren zu „Des Lebens labyrinthisch irrer Lauf“ anzuschließen. Es ist schon außergewöhnlich, dies mit Eigenexemplaren zu machen und war für mich ein anrührendes Zeichen dafür, daß ich engagierte Leser habe. Die Kommentare waren in beiden Runden fundiert und sehr hilfreich für mich, die Diskussion hat wieder Spaß gemacht (und nun werden schon die Darsteller für die Verfilmung in der Runde überlegt – das nenne ich Hingabe! 😉 ).

Eines der Themen war natürlich auch, daß der 9. November nicht nur als geschichtliche Komponente eine Rolle spielte, sondern auch der Geburtstag der Hauptperson Lotte war, was die zahlreichen Ereignisse an diesem Tag verknüpfte und für die 1989 spielende Rahmenhandlung eine große Rolle spielte. Die Häufung von geschichtlichen Ereignissen an dem Tag ist vielleicht nicht jedem auf Anhieb bewußt, oder bekannt, deshalb hier ein Überblick über fünf geschichtlich bedeutende Ereignisse am 9. November. Weiterlesen „Der 9. November in der Geschichte“

Ein Blick auf die DDR und eine Buchempfehlung: Lydia. Vergebung.

Ich bin öfter gefragt worden, warum die Geschichte der Schönaus 1957 aufhört, warum ich das Leben einer der Hauptcharaktere in der DDR nicht beschrieben habe. Ich habe damals sehr kurz daran gedacht, nur einen Moment lang, und wußte sofort, daß ich diesem Thema keine Gerechtigkeit widerfahren lassen, es nicht annähernd beschreiben kann. Dazu bin ich einerseits zu spät geboren und zudem nicht in der DDR. Das habe ich auch in meiner gerade stattfindenden Leserunde genau so erklärt und geschrieben, daß ich der Meinung bin, daß kein Westdeutscher über das Leben in der DDR schreiben kann. Dem haben die Leserundenteilnehmer zugestimmt und konnten teilweise aus eigener Erfahrung berichten, daß man als Westdeutscher auch nach zwanzig Jahren des Lebens in der ehemaligen DDR nie annähernd begreifen kann, wie das Leben in der DDR war, wie es nachwirkt. Weiterlesen „Ein Blick auf die DDR und eine Buchempfehlung: Lydia. Vergebung.“