Die Tuberkuloseepidemie in den USA

Die Spanische Grippe ist fast jedem historisch interessierten Menschen ein Begriff und ist in den letzten Monaten aus ganz aktuellen Gründen wieder etwas mehr in den Fokus gerückt. Beim Übersetzen des dritten Bandes meiner ursprünglich auf Englisch geschriebenen Allender-Trilogie war es für mich durchaus seltsam, das damals von mir Geschriebene unter Umständen zu übersetzen, die jenes Pandemiegeschehen nun vertrauter erscheinen lassen, als ich es mir hätte vorstellen können. Vor der Spanischen Grippe gab es in den USA aber auch eine weitere Epidemie, die die Allenders ebenfalls betrifft, deren damals so große Gefahr aber heute kaum noch bekannt ist: die „Weiße Pest“, Tuberkulose. Sie war in vielen Ländern im Laufe der Geschichte eine ernste Bedrohung. Als ich zum Studieren in die USA ging, mußte auch ich übrigens einen Tuberkulosetest machen, was ich ein wenig unheimlich fand (allerdings ist diese Umsicht wesentlich weniger unheimlich als die menschenverachtende Art, auf die der heutige US-„Präsident“ mit der Coronapandemie umgeht).

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„Das ist nicht mein Kind!“ – Vaterschaftsklagen im 19. Jahrhundert

Im Rahmen einer Leserunde zu „Ferne Wolken“ kam aufgrund eines Handlungsstranges die Frage auf, ob ein Mann im 19. Jahrhundert erfolgreich dagegen vorgehen konnte, von einer schwangeren Frau als Vater ihres zukünftigen Kindes benannt zu werden. Oder weiter gefasst: wie ließ sich eine Vaterschaft / eine nicht bestehende Vaterschaft zu jener Zeit beweisen, welche Argumentation war vor Gericht erfolgreich?

Da diese Frage im Buch nicht relevant ist, hatte ich dazu kein Recherchewissen, aber meine Neugier sowohl als Autorin, wie auch als Juristin und geschichtlich interessierter Mensch war geweckt. Und so tat ich, was ich schon zu Studienzeiten so oft getan habe: ich wälzte mich durch alte juristische Artikel, Gesetzestexte und Urteile.

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Das koloniale Philadelphia

Die Hochphase von Philadelphias Zeit als Geburtsort der Nation, erster Hauptstadt und dann künstlerischem Zentrum des Landes war bereits zu Beginn der Allender-Trilogie vorbei. Dennoch bleibt das koloniale Philadelphia ein wichtiger Teil von Ferne Wolken, dem ersten Buch der Trilogie. Der in Philadelphia gelegene Wohnsitz der Familie ist ein Kolonialhaus in der Pine Street, im Stadteil Society Hill. Hier finden sich noch heute die typischen Reihenhäuser aus roten Ziegelsteinen, mit farbigen Türen und Fensterläden, die herrliche Gemütlichkeit verströmen. Wenn eine der Hauptfiguren des Buches, Malcolm, eine Besucherführung durch das alte Philadelphia und das State House (die heutige Independence Hall) zu einer kleinen Tradition macht, erinnert er an die Tage der Gründerväter und der wichtigsten Zeit Philadelphias. Ich muss zugeben, dass seine Faszination für das koloniale Philadelphia direkt von mir selbst stammt, und als ich noch im guten alten Philly lebte, nahm ich viele Besucher zur Independence Hall mit und genoss es immer, durch Society Hill zu schlendern. Ich sah ein schöneres, gepflegteres Kolonialviertel als Malcolm und seine Gäste – das historische Viertel begann bereits in den 1830er Jahren, seinen Glanz zu verlieren und kam wurde im Laufe der Jahrzehnte immer mehr herunter. Weiterlesen „Das koloniale Philadelphia“

„Ferne Wolken“ – der erste Teil der Allender-Trilogie ist erschienen

Nun ist der erste Teil der Allender-Trilogie vollendet und als eBook und Taschenbuch erhältlich. Ich habe die Allender-Trilogie vor einigen Jahren auf Englisch geschrieben und es flossen viele Eindrücke meiner Zeit in Philadelphia ein. Beim Übersetzen ins Deutsche war es für mich auch eine persönliche, fast nostalgische Freude, mich an diese Jahre in Philadelphia zu erinnern und die mir vertrauten Allenders wieder ganz neu kennenzulernen. Es war, als ob man gute Freunde, die man lange nicht gesehen hat, endlich wieder trifft und sich gleich fühlt, als ob man nie getrennt war. Weiterlesen „„Ferne Wolken“ – der erste Teil der Allender-Trilogie ist erschienen“

Frauenmode zwischen den 1830ern und 1870ern

Als ich die Allender-Trilogie schrieb, gab ich oft der Versuchung nach, Kleider sehr detailliert zu beschreiben, einfach weil ich die Mode des 19. Jahrhunderts verehre und mich im Recherchieren und Schreiben darüber verlieren könnte. Natürlich habe ich letztlich mehrere der Beschreibungen herausgenommen oder gekürzt, weil zu viele davon für die Leser langweilig sind, es sei denn, sie lesen gerade ein Buch über Mode. Ich habe genug Details in den Büchern belassen, um die sich entwickelnde Mode im ganzen Jahrhundert zu zeigen, die in dem Buch behandelt wird Für diejenigen, die ein wenig mehr darüber wissen möchte, gebe ich hier einige Details aus den ersten vier Jahrzehnten der Allenders, welche in den Büchern Ferne Wolken und Letzte Abschiede behandelt werden. Weiterlesen „Frauenmode zwischen den 1830ern und 1870ern“

Psychische Krankheit in den USA des 19. Jahrhunderts

In heutiger Zeit an einer psychischen Krankheit zu leiden, ist schrecklich genug. Vor ungefähr einhundertfünfzig Jahren musste es entsetzlich gewesen sein – es gab keine wirksame Behandlung, kein Verständnis für die Krankheit, viele falsche Annahmen.

Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich die Psychiatrie noch in den Kinderschuhen und war mit dem heutigen Beruf nicht vergleichbar. Ärzte versuchten, psychische Krankheiten zu verstehen, wussten aber einfach nicht genug darüber. Es wurde angenommen, dass sie erblich seien, auch durch emotionale Ausnahmesituationen oder die Umgebung verursacht wurden, aber ebenso durch Unmoral oder Übermut – im Grunde alles, was nicht innerhalb der strengen moralischen Normen der Zeit lag. Einige Ärzte erkannten auch die Verbindung zwischen Gehirn und psychischer Krankheit und nannten sie eine „Gehirnkrankheit“, obwohl sie nicht wussten, was sie verursachte. Weiterlesen „Psychische Krankheit in den USA des 19. Jahrhunderts“

Buchempfehlung: Prairie Fires

Viele von uns kennen sicher die etwas süßliche Serie „Unsere kleine Farm“. Ich habe sie damals als Wiederholung gesehen, zu meiner Zeit war sie schon etwas angestaubt (die Serie wurde von 1974-83 produziert). Viele Episoden habe ich nicht gesehen, aber die Geschichte von Laura Ingalls, der sanften „Ma“ und dem für die Welt zu guten „Pa“, der fiesen Nellie und dem Prairieleben, die kannte ich hinreichend.

In „Prairie Fires“ (nur auf Englisch erhältlich) erzählt Caroline Fraser nun die wahre Geschichte und entfaltet auf über 500 Seiten eine reichhaltiges farbenfrohes Panorama nicht nur von Lauras Leben, sondern auch des sich über die Jahrzehnte ändernden Amerikas. Sie verwebt die Einzelschicksale der Ingalls mit der Landesgeschichte und auch wer mit „Unsere kleine Farm“ nichts anfangen kann, wird hier auf lesenswerte Weise viel über die amerikanische Geschichte und die davon berührten Menschen erfahren. Weiterlesen „Buchempfehlung: Prairie Fires“

Brautwerbung, Ehe und Mutterschaft zwischen den 1830ern und 1920ern

Brautwerbung, Ehe und Mutterschaft haben sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert stark verändert. In diesem Artikel werde ich die Veränderungen zeigen, indem ich die Situation von vier Generationen von Frauen in meiner Allender-Trilogie betrachte.

Die erste Generation wird vertreten durch Natalya, geboren 1817, die 1832 heiratete und ihre Kinder in den 1830er und frühen 1840er Jahren bekam. Natalya wählte ihren Ehemann nicht selbst, ihre Eltern hielten ihn für einen guten Partner. Ein guter Partner bedeutete, dass der zukünftige Ehemann aus einer angesehenen Familie stammte und wohlhabend genug war, um seine Familie gut versorgen zu können. Ein guter Charakter wurde ebenfalls als wichtig erachtet. Liebe war jedoch keine entscheidende Voraussetzung. Es gab natürlich Paare, die aus Liebe geheiratet haben, aber im Gegensatz zu heute waren die Gründe für die Ehe oft praktisch. Wenn ich früher Romane der Zeit las, war ich oft überrascht von Passagen, die den Glauben oder die Hoffnung ausdrückten, dass ein Paar während der Ehe „lernen würde, einander zu lieben“. Wenn die Liebe schließlich kam, war es in Ordnung, wenn nicht, war das auch in Ordnung. Als Natalyas Eltern ihr sagten, sie solle einen Mann heiraten, den sie nicht liebte (nicht einmal besonders gut kannte), waren sie nicht gleichgültig gegenüber ihrer Tochter, sondern taten, was sie für das Beste hielten.

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Die Influenza-Pandemie in Philadelphia, 1918

Als ich die Geschichte Philadelphias für die Allender-Trilogie genauer recherchierte, war ich überrascht darüber, wie sehr die Influenza-Pandemie in dieser Stadt gewütet hatte. Es las sich teilweise wie ein dystopischer Roman und doch war es tatsächlich geschehene Geschichte, die gar nicht so weit zurücklag. Darüber in „Verlorenes Gestern“, dem im Herbst 2020 erscheinenden dritten Band der Allender-Trilogie zu schreiben, war eine sehr intensive Erfahrung.

Die kursiven Texte sind Auszüge aus „Verlorenes Gestern“.

„Keine neuen Entwicklungen in Frankreich. Diese Influenza in Europa scheint London erreicht zu haben. Sie scheinen damit ziemlich überfordert.“
„Es ist nur Influenza, es kann nicht so schlimm sein“, merkte Helen an, während sie sich setzte.
„Scheint eine ernste Version von Influenza zu sein“, murmelte Alex und faltete die Zeitung zusammen.

Die sogenannte Spanische Grippe (Spanien war das erste Land, das schwer getroffen wurde) hatte im Sommer 1918 das kriegsmüde Europa verwüstet. Es war eine Mutation der bisher bekannten Grippe, ein bösartigeres und tödlicheres Virus. Die Auswirkungen waren bei jungen Männern zwischen zwanzig und dreißig am verheerendsten, und es ging schnell: manchmal vergingen nur 24 bis 48 Stunden zwischen den ersten Symptomen und dem Tod, tatsächlich konnte der Zustand sich innerhalb weniger Momente von gesund zu erschreckend krank verändern. Erschreckend war es in vieler Hinsicht, denn die Symptome waren nicht alle typisch für Grippe, für Influenza. Eines der beängstigendsten Symptome war die Zyanose – die Haut verfärbte sich blau, sogar schwarz. Eine furchterregende Erinnerung an die Pest, den schwarzen Tod. Unerträgliche Schmerzen folterten an Influenza Erkrankte. Vor dem Tod bluteten die Kranken aus Ohren, Mund, Nase und sogar Augenhöhlen.

„Aber manche Leute sagen, dass es gar keine Influenza ist, sondern etwas viel Schlimmeres. Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Wenn es Influenza ist, dann sicher nicht die, die wir kennen.“

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Tod und Trauer im viktorianischen Amerika

In einer Familiengeschichte, die sich über hundert Jahre erstreckt, gibt es natürlich einige Tote. Romanfiguren haben normalerweise kein leichtes Leben, da ihre Schicksale für die Leser von Interesse sein müssen, und so haben die meisten von ihnen auch keine leichten Tode. Im Laufe der Allender-Trilogie begegnen Menschen ihrem Ende auf verschiedene Arten:
7 – Krieg
6 Glückspilze – natürlicher Tod durch Alter
4 – Mord
3 – Influenza
2 – Selbsttötung
2 – Lungenentzündung
2 – Herzinfarkt
1 – Leberzirrhose
1 – Kindbett
1 – Krebs
1 – Pocken
1 – Blinddarmdurchbruch
1 – Unfall

Obwohl ich den meisten meiner Charaktere keinen friedlichen Tod im Alter zugestanden habe, war ich nicht grausam. In viktorianischen Zeiten war der vorzeitige Tod weit üblicher als heute. Epidemien fegten häufig über die Vereinigten Staaten hinweg – Cholera, Typhus, Diphtherie, Pocken, Masern und Gelbfieber waren alles Volkskrankheiten, die viele Leben forderten. Die Kindersterblichkeit betrug rund 18%, der Tod im Kindbett war eine ernstzunehmende Gefahr. Der Bürgerkrieg forderte rund 1.000.000 Leben. Krankheiten konnten oft nicht so gut behandelt werden wie heute und somit tödlich enden – in einem Buch las ich über eine Frau, die nach einer Zahnextraktion starb, als sich die Wunde infizierte.

Der Tod war im viktorianischen Zeitalter ein großer Teil des täglichen Lebens, und leider war der vorzeitige Tod keine Ausnahme. Weiterlesen „Tod und Trauer im viktorianischen Amerika“