„Das ist nicht mein Kind!“ – Vaterschaftsklagen im 19. Jahrhundert

Im Rahmen einer Leserunde zu „Ferne Wolken“ kam aufgrund eines Handlungsstranges die Frage auf, ob ein Mann im 19. Jahrhundert erfolgreich dagegen vorgehen konnte, von einer schwangeren Frau als Vater ihres zukünftigen Kindes benannt zu werden. Oder weiter gefasst: wie ließ sich eine Vaterschaft / eine nicht bestehende Vaterschaft zu jener Zeit beweisen, welche Argumentation war vor Gericht erfolgreich?

Da diese Frage im Buch nicht relevant ist, hatte ich dazu kein Recherchewissen, aber meine Neugier sowohl als Autorin, wie auch als Juristin und geschichtlich interessierter Mensch war geweckt. Und so tat ich, was ich schon zu Studienzeiten so oft getan habe: ich wälzte mich durch alte juristische Artikel, Gesetzestexte und Urteile.

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Psychische Krankheit in den USA des 19. Jahrhunderts

In heutiger Zeit an einer psychischen Krankheit zu leiden, ist schrecklich genug. Vor ungefähr einhundertfünfzig Jahren musste es entsetzlich gewesen sein – es gab keine wirksame Behandlung, kein Verständnis für die Krankheit, viele falsche Annahmen.

Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich die Psychiatrie noch in den Kinderschuhen und war mit dem heutigen Beruf nicht vergleichbar. Ärzte versuchten, psychische Krankheiten zu verstehen, wussten aber einfach nicht genug darüber. Es wurde angenommen, dass sie erblich seien, auch durch emotionale Ausnahmesituationen oder die Umgebung verursacht wurden, aber ebenso durch Unmoral oder Übermut – im Grunde alles, was nicht innerhalb der strengen moralischen Normen der Zeit lag. Einige Ärzte erkannten auch die Verbindung zwischen Gehirn und psychischer Krankheit und nannten sie eine „Gehirnkrankheit“, obwohl sie nicht wussten, was sie verursachte. Weiterlesen „Psychische Krankheit in den USA des 19. Jahrhunderts“

Buchempfehlung: Die Schand-Luise

In „Die Schand Luise“ betrachtet Ulrike Grunewald das Leben einer wohl den meisten unbekannten Frau: Luise von Sachsen-Gotha-Altenburg (1800 – 1831), Schwiegermutter Queen Victorias. Die junge Dame betrachtet uns auf dem schlichten und gelungenen Titelbild mit großen Augen und der Andeutung eines in sich ruhenden Lächelns. Zu dem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, was für ein unruhiges und trauriges Leben sie erwarten wird. Weiterlesen „Buchempfehlung: Die Schand-Luise“

Kriegsehen in Feldpostbriefen

Kürzlich bekam ich von einer Leserin ein Lob für die Feldpostbriefe in „Des Lebens labyrinthisch irrer Lauf“. Es gibt im Buch keine Szenen, die direkt an der Front spielen und so wird das Kriegsgeschehen hauptsächlich durch die Briefe von der Front dargestellt. Meine Leserin schrieb, man würde merken, wie gut die Briefe recherchiert wären, wie authentisch sie wirken würden, und „Das bewegt einen schon sehr, grad wenn man weiß, dass das zumindest so ähnlich auch durchaus der Realität entsprach.“ Das hat mich natürlich sehr gefreut, ebenso wie ihre Aussage, dass gerade das Geschehen in den Kriegsjahren oft so intensiv wirke, dass sie ab und an eine Leseprobe bräuchte, um das Gelesene zu verarbeiten. Mir ging es bei der Recherche der Themen oft ähnlich und es bedeutet mir viel, wenn ich erfahre, dass ich diese Intensität in meinen Büchern vermitteln kann.

Es gab auch einige Fragen zu den in den Briefen angesprochenen Themen, zur Situation von durch den Krieg getrennten Ehepartnern. Es hat Spaß gemacht, mich durch diese Fragen dem Thema noch einmal zu widmen. Weiterlesen „Kriegsehen in Feldpostbriefen“

Soldatenbriefe

Beim Schreiben versuche ich stets, mich soweit wie möglich in die Gedankenwelt meiner Haupt- und Nebencharaktere einzufinden. Um plausibel beschreiben zu können, wie sie agieren, muß und will ich verstehen, warum sie so agieren, wie sie die Welt um sich sehen, was sie denken und fühlen. Das ist schwierig, wenn es um historische Epochen geht, die aus heutiger Sicht so oft und ausführlich betrachtet und analysiert wurden, daß ich beim Schreiben sehr darauf achten muß, nicht die heutige Sicht in das Geschriebene einfließen zu lassen. Fast unmöglich wird es bei Motivationen, die meinen eigenen diametral entgegenstehen. Junge Menschen, die damals auf die Nazidiktatur hereinfielen, deren Motivation aber nicht einfach durch die tumbe Primitivität vieler (auch gerade heutiger) Rechtsradikaler erklärt werden kann. Wie erklärt man das? Das war ein Thema, zu dem ich viel gelesen habe, Selbstzeugnisse, Tagebücher; versucht habe, das heutige Wissen kurz auszublenden. Meine Leser teilen mir mit, daß es mir gut gelungen sei, die verschiedenen Motivationen der den Nazis zugelaufenen Charakteren meiner Bücher zu erklären. Das freut mich, denn leicht war es nicht. Weiterlesen „Soldatenbriefe“

Brautwerbung, Ehe und Mutterschaft zwischen den 1830ern und 1920ern

Brautwerbung, Ehe und Mutterschaft haben sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert stark verändert. In diesem Artikel werde ich die Veränderungen zeigen, indem ich die Situation von vier Generationen von Frauen in meiner Allender-Trilogie betrachte.

Die erste Generation wird vertreten durch Natalya, geboren 1817, die 1832 heiratete und ihre Kinder in den 1830er und frühen 1840er Jahren bekam. Natalya wählte ihren Ehemann nicht selbst, ihre Eltern hielten ihn für einen guten Partner. Ein guter Partner bedeutete, dass der zukünftige Ehemann aus einer angesehenen Familie stammte und wohlhabend genug war, um seine Familie gut versorgen zu können. Ein guter Charakter wurde ebenfalls als wichtig erachtet. Liebe war jedoch keine entscheidende Voraussetzung. Es gab natürlich Paare, die aus Liebe geheiratet haben, aber im Gegensatz zu heute waren die Gründe für die Ehe oft praktisch. Wenn ich früher Romane der Zeit las, war ich oft überrascht von Passagen, die den Glauben oder die Hoffnung ausdrückten, dass ein Paar während der Ehe „lernen würde, einander zu lieben“. Wenn die Liebe schließlich kam, war es in Ordnung, wenn nicht, war das auch in Ordnung. Als Natalyas Eltern ihr sagten, sie solle einen Mann heiraten, den sie nicht liebte (nicht einmal besonders gut kannte), waren sie nicht gleichgültig gegenüber ihrer Tochter, sondern taten, was sie für das Beste hielten.

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Buchempfehlung: Inconvenient People – Lunacy, Liberty and the Mad-Doctors in Victorian England

Ich habe kürzlich eines der unterhaltsamsten Sachbücher beendet, die ich zum Thema Psychologie des 19. Jahrhunderts  und Umgang mit den „Wahnsinnigen“ gelesen habe. Wenn Sie das zweite Buch der Allender-Trilogie gelesen haben, werden Sie wahrscheinlich bemerkt haben, dass es ein Thema ist, an dem ich sehr interessiert bin. Es ist ein schwieriges und dunkles Thema, eine Geschichte von (manchmal gut gemeinter) Ignoranz, aber auch von Missbrauch und oft schwierige Lesekost.

Inconvenient People – Lunacy, Liberty und die Mad-Doctors in Victorian England gelingt es, das Dunkle, das Witzige, das Absurde und das Informative zu einem Sachbuch zu kombinieren, das sich zeitweise wie ein guter Roman liest.
Die Autorin, Sarah Wise, erklärt die Entwicklung der psychiatrischen Versorgung im viktorianischen England durch die chronologische Betrachtung verschiedener persönlicher Schicksale. Ihre individuellen Berichte bringen echtes Leben in die Erzählung, zumal Sarah Wise diese Menschen zum Leben erweckt. Sie sind nicht bloße Fälle, über deren psychische Gesundheit entschieden werden musste, sie werden echte Menschen und ich merkte, dass ich ihnen die Daumen drückte und für sie hoffte. Die Autorin hat sich viel Arbeit gemacht, um die Hintergrundgeschichte jeder Person zu entziffern, ein Bild von der sozialen Umgebung und dem Charakter der Person zu zeichnen. Es gibt ungefähr 10 Hauptfälle, einen für jedes Kapitel, und wir treffen mehrere von ihnen in späteren Kapiteln wieder. Weiterlesen „Buchempfehlung: Inconvenient People – Lunacy, Liberty and the Mad-Doctors in Victorian England“