Buchempfehlung: Der rote Judas

„Der rote Judas“ hat mich gleich aus zwei Gründen angesprochen: zum einen die historische Epoche, denn das Buch spielt im Jahr 1920 und geht thematisch in die Jahre des ersten Weltkriegs zurück. Zum anderen die Tatsache, daß es in Leipzig spielt. Natürlich ist es für mich besonders interessant, zu sehen, wie andere Autoren Leipzig als Handlungsort nutzen, einbinden, beschreiben. Thomas Ziebula erweckt ein ganz anderes Leipzig, als es meine Schönaus erleben. Während meine Schönaus im Musikviertel wohnen, im Felsche und im Fürstenhof kulinarische Freuden genießen und für besondere Anlässe ins Gewandhaus gehen, während sie noch ein wenig dem Kaiser nachtrauern (oder zumindest den sicheren Vorkriegszeiten) und die sozialdemokratische Regierung der frühen Weimarer Republik etwas skeptisch betrachten, nehmen die Charaktere im roten Judas den Leser mit nach Connewitz, in Kneipen, ins Volkshaus, in Bars mit „exotischem Tanz“, wie es damals so schön hieß. Der Protagonist ist Sozialdemokrat, das Leben durch seinen Beruf, seine Erfahrungen und politische Gegenspieler rau und oft erbarmungslos. Dieser Gegensatz zum Bildungsbürgerumfeld meiner Schönaus, dieses zur gleichen Zeit und doch irgendwie in einer anderen Welt stattfindende Leipzig war wie eine Neuentdeckung jener Stadt. Aber auch sonst gab es natürlich viele Gründe, dieses Buch zu lesen und hier weiterzuempfehlen: Weiterlesen „Buchempfehlung: Der rote Judas“

Der 9. November in der Geschichte

Nun sind auch die beiden neuen Lovelybooks-Leserunden zu den Büchern der Schönau-Saga zu Ende. Es war erneut ein herrliches Erlebnis. Ich habe meine Erfahrungen aus meinen letzten Leserunden genutzt und diesmal die Bewerber sehr akribisch ausgewählt. Gut, auch hier gab es leider eine Teilnehmerin, die nach dem ersten Posting in der Versenkung verschwand, aber dafür gab es Teilnehmerinnen, die sich unglaublich toll eingebracht haben. Sehr überrascht war ich, als mehrere gleich zustimmten, nach der „Bürgerin aller Zeiten“-Runde gleich eine Runde mit Eigenexemplaren zu „Des Lebens labyrinthisch irrer Lauf“ anzuschließen. Es ist schon außergewöhnlich, dies mit Eigenexemplaren zu machen und war für mich ein anrührendes Zeichen dafür, daß ich engagierte Leser habe. Die Kommentare waren in beiden Runden fundiert und sehr hilfreich für mich, die Diskussion hat wieder Spaß gemacht (und nun werden schon die Darsteller für die Verfilmung in der Runde überlegt – das nenne ich Hingabe! 😉 ).

Eines der Themen war natürlich auch, daß der 9. November nicht nur als geschichtliche Komponente eine Rolle spielte, sondern auch der Geburtstag der Hauptperson Lotte war, was die zahlreichen Ereignisse an diesem Tag verknüpfte und für die 1989 spielende Rahmenhandlung eine große Rolle spielte. Die Häufung von geschichtlichen Ereignissen an dem Tag ist vielleicht nicht jedem auf Anhieb bewußt, oder bekannt, deshalb hier ein Überblick über fünf geschichtlich bedeutende Ereignisse am 9. November. Weiterlesen „Der 9. November in der Geschichte“

Wie man auf die Buchmesse geht, ohne auf die Buchmesse zu gehen – Teil II

Die Räume des Infozentrums Georg-Schumann-Straße sind richtig klasse. Groß, hell, mit hoher Decke. Es war schon alles sehr schön hergerichtet und ich wurde freundlich empfangen. Als Begleitung zur Lesung hatte ich eine Präsentation mit gemeinfreien Fotos des Alten Leipzig dabei, so konnte ich die Handlungsorte gleich illustrieren und eine virtuelle Reise durch das wunderschöne Vorkriegsleipzig anbieten. Aufgrund der Großzügigkeit der Räume wurde diese Präsentation dann über mir herrlich großformatig angezeigt. Weiterlesen „Wie man auf die Buchmesse geht, ohne auf die Buchmesse zu gehen – Teil II“

Wie man auf die Buchmesse geht, ohne auf die Buchmesse zu gehen – Teil I

Wenn  man zwei Bücher über eine Leipziger Familie geschrieben hat, dann wäre es doch schon fast unerhört, nicht auf die Leipziger Buchmesse gehen. Bücher und Leipzig – die Überschneidung ist perfekt. Hinzu kommt, daß ich mir eine Möglichkeit, mein Leipzig zu besuchen, sehr ungerne entgehen lassen, aber während der Messe ist es eben so furchtbar voll, und ich mag es lieber wundervoll leer.

Egal, das ist die einmalige Möglichkeit, die Leipziger Familie Schönau zurück nach Leipzig zu bringen und sie dort den jubelnden Massen (ahem) zu präsentieren. Die Planung beginnt natürlich schon viele Monate im Voraus. Ich war im November gerade von meiner ersten Lesung in Düsseldorf zurückgekehrt, habe gemerkt „Ich kann Lesungen“, und das muß wohl jemand in Leipzig gespürt haben, denn direkt am darauffolgenden Tag wurde ich angerufen und gefragt, ob ich Interesse an einer Lesung während der Buchmesse hätte. Ganz sicher sei es noch nicht, meinte der nette Herr, sie würden einige Möglichkeiten eruieren und wollten vorab nachfragen. Noch ganz im Düsseldorf-Lesungs-Euphoriehoch habe ich spontan (also gänzlich gegen meine Natur) zugesagt. Und angefangen zu überlegen. Lesungen in Leipzig, das wäre doch generell ein Träumschen, wie die Sachsen sagen. Passend dazu bot der Selfpublisher-Verband für seine Mitglieder die Vermittlung von Lesungen an. Und da es kontraproduktiv ist, wenn ich bei solchen Entscheidungen zu viel Zeit zum Nachdenken habe, habe ich auch da gleich die Möglichkeit genutzt und meine Informationen hingeschickt. Auch hier würde es noch davon abhängen, ob sich eine interessierte Lokalität fände. Sicher war für mich nämlich, daß ich in der Stadt lesen wollte. Das Messegelände, mit so vielen Menschen auf so – verhältnismäßig – engem Raum war mir einfach zu viel. Weiterlesen „Wie man auf die Buchmesse geht, ohne auf die Buchmesse zu gehen – Teil I“

Die Schönaus und Leipzig III: Bombenangriff 1943

Am frühen Morgen des 4. Dezember 1943 erlebte Leipzig den bisher dahin verheerendsten Bombenangriff. Das hervorragende Buch Leipzig brennt enthält viele Augenzeugenberichte und Fotografien.

Auch Lotte und ihre Familie erleben diesen Angriff. Sie hat den Nachmittag bei ihren Eltern verbracht, in friedlicher Atmosphäre und mit – soweit unter den Umständen möglich – ein wenig vorweihnachtlicher Stimmung. Auf dem Heimweg muß sie eine monumentale Gewissensentscheidung treffen, bevor der Bombenangriff sie, das Hausmädchen Frieda und Lottes Kinder Agnes und Friedrich vor ganz neue Herausforderungen stellt.

Lotte wälzte sich noch lange schlaflos im Bett, überlegte, ob sie anders hätte handeln sollen und fragte sich, wo Dorchen sein mochte. Als sie endlich einschlief, träumte sie in wirren Fetzen von Dorchen, der Gestapo und wie als Kontrast vom friedlichen Nachmittag im Hause ihrer Eltern. Das nur allzu bekannte Sirenengeheul riss sie aus dem Schlaf.
„Zwischen drei und vier Uhr, wie immer,“ murmelte Lotte schlaftrunken. Wären die Kinder nicht gewesen, wäre sie einfach liegengeblieben; sie nahm an, dass die Bomber auf dem Rückweg von Berlin waren. Dann hörte sie einen Knall und für eine Sekunde schien das ganze Haus zu beben. Lotte sprang aus dem Bett, aus dem Kinderzimmer drang das Weinen von Friedrich. Sie traf gleichzeitig mit Frieda im Kinderzimmer ein, wo sie die Kinder an die Hand nahmen. Im Flur zog Lotte sich und den Kindern hastig die Mäntel über, während ein schrilles Pfeifen von draußen zu vernehmen war.
„Koffer!“ rief Frieda. Sie griff mit einer Hand einen der Koffer, mit der anderen nach Friedrich, der sich eine kleine Tasche genommen hatte. Die Abläufe waren nach jahrelangen Luftalarmen automatisch, trotz der Angst. Weiterlesen „Die Schönaus und Leipzig III: Bombenangriff 1943“

Die Schönaus und Leipzig II: Politische Unruhen und Inflation

Im zweiten Teil der Reise in der Leipzig der Schönaus befinden wir uns zuerst im Jahr 1922. Das dort erwähnte Confectionshaus Ebert ist heute Sitz der Commerzbank und wunderschön restauriert. An der Stelle des Kaufhauses Althoff findet sich noch bis Ende März 2019 Karstadt.

Luise hatte Lotte und Dorchen von der Schule abgeholt, um mit ihnen neue Kleider zu kaufen. Die beiden Mädchen waren aufgeregt und freuten sich auf ihre neuen Sachen. Es war bewölkt und für Juni recht kühl, aber das störte Lotte und Dorchen nicht.
„Wo gehen wir zuerst hin?“ fragte Lotte.
„Zu Ebert und dann zu Althoff. Wenn ihr brav seid, bekommt ihr anschließend noch einen Kakao im Riquet.“
„Oh fein!“ rief Dorchen und Lotte sagte: „Und den Goethe müssen wir begrüßen.“
Luise sah die Tochter verwirrt an und Lotte grinste. „Vati hält immer kurz bei der Goethestatue am Naschmarkt.“
„Herrje, euer Vater… – So, hier ist Ebert.“
Lotte und Dorchen sahen bewundernd an der prächtigen Fassade des Confectionshauses Franz Ebert hoch. Sie liebten das herrschaftliche Gebäude mit den opulenten Verzierungen und dem vergoldeten Giebelturm. Weiterlesen „Die Schönaus und Leipzig II: Politische Unruhen und Inflation“

Die Schönaus und Leipzig I: Lotte sieht den Kaiser

Leipzig als Schauplatz für die Schönau-Bücher wurde nicht zufällig gewählt. Anders als die Geschehnisse und einige der Charaktere in den Büchern hat Leipzig zwar kaum Verbindung zu  meiner Familiengeschichte, aber mir ist diese wunderschöne Stadt persönlich sehr wichtig. Ich war beim ersten Besuch – der nun fast genau zehn Jahre zurückliegt – sofort ganz hin und weg. Für jeden Geschichtsinteressierten ist Leipzig eine wahre Fundgrube, für jeden Literaturinteressierten ebenso (und Goethe muß ich hier ja wohl nicht extra erwähnen), aber auch die so wundervoll restaurierten Gebäude der Innenstadt, die Gründerzeitpracht im Waldstraßenviertel sind atemberaubend. Und dann hat Leipzig einfach eine angenehme Atmosphäre – städtisch und doch gemütlich, mit herzlichen Menschen.
Genug der Leipzighymnen – auch wenn ich noch ziemlich lange so weitermachen könnte. In knapp zwei Wochen werde ich auf zwei Lesungen (am 22.03 und 23.03)  die Schönaus bei „Leipzig liest“ genau in der Stadt vorstellen können, die mir so wichtig ist und in den Büchern eine große Rolle spielt. Das ist eine besondere Freude für mich! Im Februar wurden die Schönaubücher im Leipziger Kulturmagazin ZeitPunkt auf Seite 20/21 bereits als „Leipziger Lektüre“ vorgestellt. Nun möchte ich gewissermaßen als Einstimmung auf die Leipziger Buchmesse einige Buchauszüge präsentieren, in denen Leipzig eine größere Rolle spielt. Der folgende (gekürzte) Ausschnitt spielt 1913, zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals. Weiterlesen „Die Schönaus und Leipzig I: Lotte sieht den Kaiser“

Mein Leipzig lob ich mir

Wie wohl viele Autoren bin ich momentan ganz im Buchmessenfieber – noch etwas mehr als zwei Wochen und ich bin in meinem geliebten Leipzig. Es stehen zwei Lesungen und eine interessante Diskussion mit anderen Autoren bei Lovelybooks an – das ist aufregend (und macht durchaus nervös). Es ist ein besonderes Erlebnis, meine Bücher, in denen Leipzig fast auch schon einer der Charaktere ist, gerade in dieser herrlichen Stadt in Lesungen vorstellen zu können. Ich hoffe, daß ich dabei nicht zu emotional werde – bei meinem letzten Besuch bin ich zu den Orten gegangen, die im Buch und der Familie Schönau eine große Rolle spielen (und der Aufenthalt im wundervollen Hotel Fürstenhof – nicht umsonst das Lieblingshotel meiner Protagonisten – hat mich für jedes andere Hotel verdorben). Das war ein gefühlsmäßig stark bewegender Stadtrundgang!

Es werden also bis zur Buchmesse noch ein paar Leipzig-bezogene Einträge hier folgen, während ich mich schon ganz kribbelig auf mein Wiedersehen mit einer meiner Lieblingsstädte freue. Dies hier ist ein Artikel (englisches Original hier), den ich vor einigen Jahren für den British Club of the Taunus schrieb und in dem ich meine Leidenschaft für Geschichte und für Leipzig kombinieren konnte. Weiterlesen „Mein Leipzig lob ich mir“